Der Klimawandel bringt die Rentiere ins Schwitzen

Rentiere sind Herdentiere und selten einzeln zu erblicken. Rentiere sind Herdentiere und selten einzeln zu erblicken.

Polarromantik und schönste Naturidylle: Für viele sind Rentiere oder die nordamerikanischen Karibus typische Tiere des Nordens, welche in riesigen Herden umherziehen und einmal jährlich vom Weihnachtsmann vor den Schlitten gespannt werden. Doch gerade diese Tiere leiden unter dem Klimawandel.

Beim Rentier und dem nordamerikanischen Karibu (engl. Caribou) handelt sich um eine einzige Art, nämlich Rangifer tarandus. Es gibt mehrere Unterarten, die sich in Farbgebung und Grösse leicht unterscheiden. Rentiere sind die einzigen Vertreter der Hirsche, die vom Menschen domestiziert wurden. Dies geschah vor zirka 1000 Jahren vor Christus. In Skandinavien wurden die Tiere bis ins 17. Jahrhundert hauptsächlich als Last- und Zugtiere genutzt. Bis heute gibt es in Lappland, Nordrussland und Sibirien Rentierwirtschaft, die sich meist halbnomadisch organisiert. Wildtiere gibt es in Europa nur noch in Norwegen, auf einem Hochplateau namens Hardangervidda. Drei Viertel der wilden Rentiere leben in Nordamerika, während wiederum drei Viertel der domestizierten Rentiere in Sibirien beheimatet sind.    

Lebensraum und Lebensweise 

Der Lebensraum der Tiere ist die boreale Zone, die Vegetationszone auf der nördlichen Erdhalbkugel. Dort sind die grössten zusammenhängenden Wälder der Erde zu finden. Sie erstrecken sich in Eurasien von Norwegen quer über Sibirien nach Kamtschatka, sowie in Nordamerika von Alaska durch Kanada bis nach Neufundland. Um dem arktischen Winter zu entgehen, unternehmen einige Rentierherden lange Wanderungen in den Süden. Teilweise sind diese bis zu 5000 Kilometer lang und somit die längsten regelmässig durchgeführten Wanderungen von Landsäugetieren. Nach den enormen Wanderungen, während denen die Herdengrösse bis zu 100.000 und mehr Tiere erreichen kann, lösen sich die Tiere in kleineren Gruppen und Verbänden von 10-100 Tieren vom Hauptstrom ab. Die Tiere leben im Sommer in den Tundren und ernähren sich hauptsächlich von Gras, aber auch andere pflanzliche Kost wird nicht verschmäht. Im Winter, wenn sich die Tiere in der südlich gelegenen Taiga und dem borealen Nadelwald aufhalten, sind Rentierflechten, Moose und Pilze auf dem Speiseplan. 

Gefahren für die Tiere 

Natürliche Feinde der Rentiere sind Wölfe, Luchse und Bären. Durch ihre enorme Laufstärke entkommen die ausgewachsenen Tiere meist, und so fallen nur kranke und geschwächte Tiere den Fressfeinden zum Opfer. Die vom Menschen angelegten Schneisen durch den Wald – sei es durch Forstwirtschaft, Bergbau oder Strassen – erleichtern jedoch den Carnivoren den Angriff. Tierfreunden und -schützern dürfte wenig gefallen, dass der Rentierschutz vielerorts über Abschüsse von Wölfen gehandhabt wird. Dies greift aber höchstens als eine kurzfristige Massnahme, denn hauptsächlich sind es ja die Menschen, die den Lebensraum der Tiere immer weiter verändern und verkleinern. Grosse Probleme bereiten den Rentierpopulationen zudem die steigenden Temperaturen in der Arktis. Die bestens an kalte Temperaturen angepassten Tiere leiden vermehrt unter Hitzestress im Sommer. Auch die Zunahme der Stechmücken und der von ihnen verbreiteten Parasiten und Krankheiten minimieren die Populationen. Im Winter führt der Klimawandel zu weiteren Problemen: Der Niederschlag fällt weniger als Schnee und häufiger als Regen. Dies führt zu einer Eisschicht auf der Schneedecke, und die Tiere gelangen nicht mehr an ihre Nahrung. Die Folge: Die Tiere verhungern qualvoll oder sind derart geschwächt, dass Fehlgeburten den Bestand weiter dezimieren. Besonders die frisch geborenen Kälber haben es schwer mit den geänderten Bedingungen. Bei Trockenheit sind sie, durch die luftgefüllten Haare in ihrem Fell, hervorragend vor der Kälte geschützt. Bei nasskaltem Wetter ist die Sterblichkeit jedoch sehr hoch, denn die Isolation wirkt nicht mehr.  

Rückgang der Population 

In Kanada war das Karibu einst das weitverbreitetste Wildtier. Heutzutage nimmt die Anzahl der Tiere dramatisch ab. In manchen Herden sterben bis zu 90% der Tiere. So auch bei der prominentesten Herde: Die George-River-Herde im Osten Kanadas zählte 1980 mit 900.000 Tieren als die weltweit grösste Rentierpopulation. 2011 war die Herde auf 70.000 Tiere geschrumpft. Diese besorgniserregenden Zahlen zeigen, dass auch die Tierwelt im Norden schwer mit dem Klimawandel und den Eingriffen des Menschen zu kämpfen hat. Welche Schäden Flora und Fauna bei einem Rückgang der Rentiere davontragen, ist noch nicht endgültig auszumachen. Doch die Tiere sind enorm wichtig für die Vegetation des Nordens: Mit ihren Hufen durchmischen und lockern sie die Erde auf, und ihre Exkremente liefern wichtigen Stickstoff für die Pflanzen in dem sonst so nährstoffarmen Boden der Tundra. Auch für die indigenen Völker des Nordens ist das Rentiersterben tragisch. Seit Jahrhunderten sind die Rentiere eine essentielle Ressource und liefern den Menschen Nahrung und Kleidung. Die Jagd und die Rentierzucht gehören zu ihrer kulturellen Identität. 

Können die Rentiere gerettet werden? 

Angesichts der steigenden Temperaturen in der Arktis-Region, ist der beste Schutz für die Rentiere natürlich – wie könnte es anders sein? – der Klimaschutz. Gleichzeitig ist es wichtig, den Tieren genug Rückzugsraum in die kühleren Bergregionen anzubieten. Die zusammenhängenden Wälder dort sind enorm wichtig für ihre Wanderungen, als geschützter Raum während der Aufzucht ihrer Kälber und als Nahrungsquelle. Viele Wissenschaftler arbeiten mittlerweile mit der indigenen Bevölkerung zusammen, um den Rentierschutz weiter voranzubringen. Das grösste Anliegen der Indigenen: Kein Vordringen der Industrie, der Holzwirtschaft und des Bergbaus in ihre Stammesgebiete. 

 

 

Quellen und weitere Informationen:
FAZ: Überhitzte Rentiere von den Folgen des Klimawandels
Bayrischer Rundfunk: Klimawandel in der Arktis lässt Rentiere hungern
survivalinternational: Rückgang der grössten Karibu-Herde
WWF Canada: Karibu

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