Der Bär ist los

12 Okt 2012

Seit einigen Tagen häufen sich die Schlagzeilen über den Braunbären M13. Während des Sommers wurde der Bär zwar bereits öfters in Siedlungsnähe gesichtet, sein Verhalten wurde aber von Wildhütern als „sozialverträglich“ eingestuft, Probleme gab es kaum.

 Nun hat sich dies offenbar drastisch geändert, nachdem sich M13 am frühen Mittwochmorgen in Poschiavo GR an den Bienenhäusern auf dem Schulhausplatz zu schaffen gemacht hatte. Der verantwortliche Lehrer des Bienenprojekts bezeichnet ihn als „gefährlichen Räuber“. Die Medien sprechen vom gefrässigen Bären, der sich nach zwei gerissenen Schafen nun auch noch im Dorf die süsse Nachspeise hole und damit die Anwohner in Angst und Schrecken versetze. Bereits haben drei selbsternannte Bärenjäger vom Dorf dem Tier den Kampf angesagt und angekündigt, ihm den Garaus zu machen, obwohl M13 zurzeit gesetzlich geschützt und vorläufig weiterhin nicht als „Problembär“ eingestuft ist. Ein Zusammenleben mit dem Menschen wird dennoch oft für „unmöglich“ gehalten. Weshalb?

Die Grösse und Kraft von Raubtieren wirken von je her einschüchternd auf den Menschen. Paradoxerweise hat aber der Bär, im Gegensatz zum Wolf oder Hai, wohl kaum das Image des „bösen Raubtiers“. Als süsser Teddybär oder Jungbär im Zoo sowie auf Fotos und Postkarten gilt er als Kuscheltier Nummer Eins. Dennoch: sobald er sich in freier Natur in unserer Nähe aufhält, läuten die Alarmglocken.

Doch ist der Bär tatsächlich gefährlich für den Menschen? In seit langer Zeit dicht besiedelten Gebieten in Europa, wurden über Jahrhunderte hinweg bei allen Begegnungen nie aggressive Reaktionen dem Menschen gegenüber beobachtet. Zu tödlichen Attacken kam es nur in vereinzelten Ausnahmefällen, in denen der Bär stark provoziert wurde; zum Beispiel als eine Rumänin kurzerhand zum Besenstiel griff und damit wagemutig auf einen Bären einschlug, als dieser sich an ihren Früchten verging.

Ein Zusammenleben mit dem Bären ist problemlos möglich, wie etwa das Beispiel Slowenien zeigt.

Urs Tester, Pro Natura

Die Angst hat wohl einiges damit zu tun, dass wir uns hier in Mitteleuropa ganz einfach nicht mehr daran gewohnt sind, den Bären, (sowie andere Raubtiere), als natürlichen Bestandteil unserer Umwelt anzunehmen. Der Bär in freier Wildbahn ist etwas Neues, das wohl nur schon deshalb Angst hervorruft. Urs Tester von Pro Natura betont:

„Ein Zusammenleben mit dem Bären ist problemlos möglich, wie etwa das Beispiel Slowenien zeigt. Das Land ist halb so gross wie die Schweiz, beherbergt aber 300 Bären. Die Slowenen kennen das Tier und wissen, wie mit ihm umzugehen ist.“

Diese Erfahrungen zeigen, dass ein Zusammenleben durch Anpassung und ein besseres Verständnis des Tieres durchaus möglich ist. Gegner des Bären in der Schweiz erklären immer wieder, dass die Fläche unseres Landes zu klein und zu dicht besiedelt sei für den grossen Braunen. Das Beispiel aus Slowenien widerlegt dieses Argument aber stichhaltig.

Der Schweizer Alpenraum ist eindeutig ein natürlicher Lebensraum des Braunbären. Vor 100 Jahren wurde er daraus vertrieben. Nun sollten wir es nicht unseren Ahnen gleichtun, sondern einen Schritt nach vorne und in Richtung Erhaltung der hiesigen Artenvielfalt machen, und lernen, wieder mit dem Bären zusammenzuleben.

Dass momentan Schafe gerissen, Bienenstöcke und Abfallsäcke geplündert werden, hat erheblich mit den unzureichenden Schutzvorkehrungen zu tun. Es ist nachvollziehbar und natürlich, dass der Bär isst, was er bekommt. Herumliegende Lebensmittelreste, offene Abfalleimer und unbewachte Viehbestände, sind vergleichbar mit einem offenen Lebensmittelgeschäft, das zum Bummeln einlädt.

Der Jagdverantwortliche von Poschiavo selbst meinte, dass die Leute im Dorf ihren Job nicht gemacht hätten und schlicht und einfach nicht ausreichend auf den Bären vorbereitet sind.

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.