Die Bienen sterben nicht an Milben, sondern am Menschen

18 Jan 2013

Seit Jahren forschen Wissenschaftler nach den Ursachen für das beunruhigende Massensterben von Bienenvölkern. Eine Studie bestätigt jetzt, dass neben Varroamilben und Infektionskrankheiten auch landwirtschaftliche Pestizide für das Bienensterben verantwortlich sind.

 Auch in der Schweiz beschäftigt sich die Wissenschaft nun intensiver mit dem Thema: Zum Jahresbeginn wurde an der Universität Bern die erste Professur für Bienengesundheit eingerichtet. Die Uni Bern folgt damit dem Beispiel einiger deutschen Universitäten, z.B. Stuttgart-Hohenheim und Würzburg (Vgl. Karte), die bereits über eine ähnliche Professur verfügen.

Bereits Albert Einstein sagte, dass der Mensch ohne Bienen auf der Erde nur noch vier Jahre zu leben hätte. In Wirklichkeit würde uns wohl nicht das sofortige Ende drohen; dennoch wäre ein Leben ohne Bienen ziemlich eintönig. Sehr viele Nutzpflanzen, besonders Früchte und Gemüse, hängen nämlich direkt von bestäubenden Insekten wie Bienen oder Hummeln ab. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) wäre über ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ohne die fleissigen Tierchen akut gefährdet. Der Wirtschaftswert dieser Leistung wird auf mindestens 150 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt – von der Honigproduktion und ihren wichtigen Funktionen im Ökosystem, wie z.B. der Bestäubung von Wildpflanzen, ganz abgesehen.

Dementsprechend alarmierend ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren auf der ganzen Welt plötzlich Tausende Bienenvölker verendet sind. So haben 2012 auch in der Schweiz rund 70 Prozent der Bienen den Winter nicht überlebt. Auch andernorts, z.B. in den USA und im Nahen Osten spitzt sich die Situation von Jahr zu Jahr zu. Schuld am grossen Bienensterben ist zu einem grossen Teil die Varroamilbe, die vor etwa 30 Jahren von Asien nach Europa eingeschleppt wurde. Die europäischen Bienenvölker sind im Gegensatz zu den asiatischen nicht resistent gegen den Milbenbefall, was meist zu ihrem Tod führt. 

Laut Welternährungsorganisation FAO wäre über ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ohne die fleissigen Tierchen akut gefährdet.

Neben der Milbe gibt es unzählige weitere, nicht zuletzt anthropogene Ursachen für das dramatische Bienensterben, wie Markus Imhoof in seinem Film „More than Honey“ aufzeigt. Der Regisseur betont: "Die Bienen sterben nicht an Milben, sondern am Menschen". Die Inzucht habe die Tiere über die Jahre zu „Kuschelbienen“ gemacht, die zunehmend an Widerstandsfähigkeit einbüssen und krankheitsanfälliger werden. Durch die intensive Landwirtschaft und deren blütenarme Monokulturen verändert sich auch die natürliche Landschaft, sodass die Bienen weniger Nahrung finden.

Lange war umstritten, ob auch die Pestizide, die in den Monokulturen im grossen Stil eingesetzt werden, die Resistenz der Bienen schwächen. Ein neuer Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestätigt nun die Gefährlichkeit der Insektizide. Der Bericht konnte aufgrund einiger fehlender Informationen zwar noch nicht abgeschlossen werden; dennoch listet er bereits eine Vielzahl an Risiken auf, die von drei geläufigen, von der Schweizer Firma Syngenta produzierten.

Neonicotinoid-Insektiziden ausgehen. Es handelt sich dabei um sogenannte systemische Gifte, die direkt ins Saatgut injiziert werden. Sie finden sich später in allen Pflanzenteilen wieder und verfügen so über ein hohes Vergiftungspotential. Die Bienen nehmen die Stoffe, die ihren Orientierungssinn stark beeinträchtigen sollen, über die Pollen oder über Guttationstropfen (Flüssigkeit, die die Pflanze ausscheidet) auf. Die Firma Syngenta wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe. "Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Produkt verteidigen“, schreibt das Unternehmen. Das Pestizid sei bereits ausreichend auf dessen Verträglichkeit geprüft worden. Die EFSA sieht dies jedoch anders und fordert nun ausführlichere Forschungsprojekte und Massnahmen zum Schutz der Bienenpopulationen. Es wird bereits über ein Verbot der Pestizide spekuliert, obwohl dies gemäss Syngenta zu Produktionseinbussen und Wirtschaftsschäden in Milliardenhöhe führen könnte.

Der Wert der Bienenpopulationen ist jedoch weit höher einzuschätzen. Ein Umdenken in der Landwirtschaft scheint für ihr langfristiges Überleben unumgänglich zu sein. Dabei sollte der Weg weg von blütenarmen Monokulturen führen, die auf Insektizide angewiesen sind, und stattdessen hin zur Kleinlandwirtschaft, bei der Schädlinge auf natürliche Weise abgewehrt werden können. „Wenn man eine Fruchtfolge machen würde, könnte der Maiszünsler, ein Schädling, der mit Nervengiften bekämpft wird, gar nicht überleben“, betont Markus Imhoof. Das Bienensterben zeigt auf eindrückliche Weise die Sensibilität natürlicher Ökosysteme, auf die jeder menschliche Eingriff langfristig verheerende Folgen haben kann.

Interessante Links:
Greenpeace-Petition zum Schutz der Bienen
Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)
Interview mit Professor Neumann (Universität Bern)
Zentrum Bienenforschung Agroscope, Bern-Liebefeld

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