„Ein verlorenes Vorderbein bedeutet den Tod“

Für den benötigten Winterschlaf zu schwache Igel werden aufgepäppelt. Für den benötigten Winterschlaf zu schwache Igel werden aufgepäppelt.

Geschwächte Igel bekommen im Igelzentrum Zürich medizinische Hilfe. Im Herbst sind vor allem kranke, untergewichtige Igel zu Gast, die sich zu wenig Futter für den energiezehrenden Winterschlaf anfressen konnten. Ein Besuch im Igelzentrum ermöglichte mir spannende Einblicke in die Pflege der stacheligen Wildtiere unserer Städte und Dörfer. Die engagierten Pflegerinnen und Pfleger können viele Patienten wieder aufpäppeln; für einige kommt jedoch jede Hilfe zu spät.

Es raschelt im Käfig, ein kleiner Igel streckt seine Nase aus dem Schlafhäuschen und atmet hörbar. Er schnuppert laut, weil ich einen für ihn unbekannten Geruch aussende. Der kleine Igel hatte Glück – er wurde ins Igelzentrum Zürich gebracht, wo er medizinisch versorgt wird. „Er und sein Bruder wollen partout nicht zunehmen“, seufzt Pascale Hutter. Die junge Biologin arbeitet am Igelzentrum Zürich.

Winterschlaf als Herausforderung

Viele Igel haben sich Mitte November bereits zurückgezogen ins Winterquartier, wo sie bis Mitte März bleiben werden. Sie machen Winterschlaf, weil das Nahrungsangebot in der kalten Jahreszeit für sie nicht ausreicht. Vereinzelte Tiere streifen noch eifrig in der Dämmerung oder sogar am Tag auf der Suche nach Nahrung umher, um ihre Reserven ausreichend zu füllen. Das ist besonders wichtig, denn der Winterschlaf verlangt den stacheligen Tieren einiges ab. Igel verlieren im Winterschlaf 20 bis 40 Prozent ihres Körpergewichts, deshalb drohen sie ohne Reserven über den Winter zu verhungern. Je stärker der Igel seine Körperfunktionen herunterfährt, desto mehr Energie kann er einsparen. Die Körpertemperatur sinkt auf 1 bis 5 Grad Celsius, das Herz schlägt nur noch 8 bis 20 Mal pro Minute und die Atmung ist auf 3 bis 4 Atemzüge pro Minute reduziert.
Oft gelangten deshalb Igelfreunde mit der Frage „Ist der Igel tot?“ an die Mitarbeitenden des Igelzentrums Zürich, nachdem sie einen Igel im Winterschlaf gestört hätten, erklärt Pascale. „Beim eingerollten Igel ist es allerdings sehr schwierig, die Atmung zu erkennen. Als Faustregel gilt: Ein eingerollter Igel macht Winterschlaf, ist er nicht eingerollt, so ist er wahrscheinlich tot.“
Pascale arbeitet gerne beim Igelzentrum, wo sie sich für den stacheligen Bewohner unserer Dörfer und Städte einsetzt. „Die Leute mögen den Igel und wollen etwas für ihn tun, er ist ein Sympathieträger und Botschafter für naturnahe Gärten“, stellt sie fest. Im Falle einer Störung des Winterschlafs ist es besonders wichtig, den Igel wieder zuzudecken, oder ihm ein Ersatznest zu bauen, wenn er am entdeckten Ort nicht bleiben kann. Noch besser ist allerdings, bei Laub- und Asthaufen und Holzstapeln vorsichtig zu sein, wenn man diese abbaut.

Patienten zu jeder Jahreszeit

Wer einen Igel findet, der einen sichtlich kranken Eindruck macht oder untergewichtig zu sein scheint, kontaktiert am besten das Igelzentrum. Einen kranken Igel erkennt man an seinem Aussehen: Er sieht dann länglich-wurstförmig aus und hat einen abgesetzten Kopf statt einer runden Form. „Nicht alle Igel müssen ins Zentrum kommen. Wiegt der Igel weit weniger als 500 Gramm zu dieser Jahreszeit oder ist er sichtlich krank, so sollte er allerdings zu uns ins Igelzentrum gebracht werden. Ist der Igel aber gesund und liegt nur leicht unter dem Gewicht, so reicht es oft, wenn ihn der Finder im Garten selbst füttert“, erklärt mir Pascale. Das Igelzentrum bietet eine kostenlose medizinische Versorgung für kranke und verletzte Igel. „Kommt ein Igel zu uns, so beurteilen wir seinen gesundheitlichen Allgemeinzustand, das heisst, wie aktiv er ist, ob er unter Stachelverlust leidet, ob er blind ist, ob er gesunde Zähne hat, wie er sich fortbewegt, ob er äussere Verletzungen wie Brüche hat oder ob er unter inneren oder äusseren Parasiten leidet. Das können Würmer in der Lunge oder im Darm, Maden, Milben oder Zecken sein“, führt Pascale Hutter aus. Im Herbst kämen meistens junge, kranke Igel, die zudem das nötige Gewicht für den Winterschlaf noch nicht erreicht hätten; aber auch im Spätfrühling und im Sommer ist Hochbetrieb. Dann behandeln die Mitarbeitenden, dazu gehört auch eine Tierärztin, viele Männchen und verwaiste Jungtiere. Im Frühling sind männliche Igel besonders oft im Zentrum anzutreffen, da sie auf der Suche nach einer Partnerin in einer Nacht bis zu fünf Kilometer weit wandern und dabei unweigerlich gefährliche Strassen passieren. Auf diesen werden sie jährlich zu Zehntausenden verletzt oder sehr viel häufiger getötet. Im Sommer bekommt das Igelzentrum viele verwaiste Igelsäuglinge zur Pflege. Es gibt also das ganze Jahr alle Hände voll zu tun. Nicht nur pflegen und füttern die Mitarbeitenden Igel, sondern beraten auch die interessierte Bevölkerung bei Fragen rund um das stachelige Tier. Dazu bieten sie Führungen, Vorträge, Ferienprogramme, Exkursionen und Ausstellungen an, bei denen sie sich für Igel und ihren Lebensraum, den naturnahen Gärten, einsetzen.

Während Pascale die in den Käfigen ausgelegten Zeitungen wechselt, schaue ich gespannt in die Käfige. Einige Igel schlafen in ihren Häuschen, die mit Zeitungen ausgestopft sind. „Ob die Igel wohl Zeitung lesen?“, frage ich Pascale und sie schmunzelt. Zu ihrer Aufgabe gehört auch das Wägen der Igel, um Gewichtsveränderungen festzustellen. Pascale hat allerhand zu tun, heute sind zehn Igel im Zentrum untergebracht. Einer von ihnen hat einen gebrochenen Kiefer und hustet beängstigend. „Dieser Igel leidet unter Lungenwürmern, die er mit den Schnecken aufgenommen hat. Wir entwurmen ihn, so wird er wieder gesund“, beruhigt sie mich. Ich wundere mich, ob es auch Igel gibt, die es trotz Pflege nicht schaffen, wieder an ihrem Fundort ausgewildert zu werden. „Das kommt vor. Wenn ein Igel ein Vorderbein verloren hat, kommt dies einem Todesurteil gleich“, bemerkt sie nachdenklich, „wogegen er mit einem verlorenen Hinterbein noch gut klar kommt.“. Gleich verstehe ich, weshalb dem so ist. Pascale holt zwei der untergewichtigen Igel aus dem Käfig und lässt sie auf dem Tisch spazieren, nachdem sie beide gewogen hat. Sie inspizieren alles, schnuppern an meiner Hand und erklettern alles. Sie ziehen sich dabei mit den Vorderbeinen hoch und versuchen bei jeder Gelegenheit zu entwischen. „Ohne Vorderbeine können sie weder laufen noch klettern“, erklärt Pascale, als sie die Kleinen mit Handschuhen zurück in den Käfig bringt. Sie rollen sich in ihren Händen zusammen, man sieht nur noch ihr Gesicht.

Katzenfutter für Igel

Pascale nimmt mich mit in die Küche, wo sie das Igelfutter zubereitet, das vor allem aus Katzenfutter besteht,. Sie wägt die Menge genau ab, gibt etwas Kalk für die Stacheln und Knochen, Hirseflocken als Ballaststoffe und Vitamine hinzu. Sie verteilt das Futter auf die Tonschälchen. Ich stelle erstaunt fest, dass die Igel für ihre Körpergrösse viel davon bekommen. Igel sind kleine Insektenfresser, sie mögen vor allem Käfer, Regenwürmer, Raupen, aber nur wenig Schnecken. „Die grossen schleimigen Schnecken essen sie nicht gerne“, erfahre ich von Pascale. Die natürliche Nahrung enthält im Gegensatz zum Katzenfutter sehr viel Eiweiss. Deshalb gibt sie den Igeln so grosse Portionen. Noch während sie das Futter auf die Schälchen verteilt, klettert ein Igel langsam am Gitter hoch, andere heben ihre Nasenspitze über den Käfigrand, als wollten sie erspähen, wann ihr Futter kommt. „Die kleinen Igel, die wir gerade gewogen haben, wollen nicht richtig fressen. Sie sind ziemlich abgemagert, obwohl sie sogar Mehlwürmer bekommen haben – die sind für die Igel wie Kaviar: Wenn man ihnen diese gibt, wollen sie oft nichts mehr anderes fressen. Die Kleinen haben aber sogar diese verschmäht. Nun probieren wir ein anderes Katzenfutter aus“, erläutert mir Pascale die Spezialfütterung der beiden mageren Igel.

„Die Leute mögen den Igel und wollen etwas für ihn tun, er ist ein Sympathieträger und Botschafter für naturnahe Gärten.“
Pascale Hutter vom Igelzentrum Zürich

Während Pascale die Gewichtsdaten auf dem Computer einträgt, habe ich Zeit, den Igeln beim Fressen zuzuschauen. Hier im Igelzentrum fressen sie manchmal auch tagsüber, einige holen sich das Futter erst in der Nacht. In den mit Zeitungen ausgestopften Schlafhäuschen raschelt es. Die Igel schleichen langsam heraus. Ich höre sie laut atmen. „Für Igel ist der Geruchsinn entscheidend, sie sehen nicht so gut. Ihre Nase ist empfindlicher als jene von Hunden“, teilt mir Pascale mit. Der Igel mit dem gebrochenen Kiefer kriecht aus dem Häuschen, langsam setzt er ein Bein vor das andere. Er putzt sich und beginnt mit der Zunge am Katzenfutter zu lecken, das ihm Pascale in Form von Brei hingestellt hat. Er knabbert vorsichtig an den kleinen Stücklein Futter, die noch übrig geblieben sind. Auch die mageren Igel klettern vorsichtig in die Näpfe, die stabil und flach sein sollten, und fressen vom Futter. Wir sind erleichtert.

Naturnahe Gärten sind Igelgärten

Sind die Igel wieder gesund und haben das nötige Gewicht für den Winterschlaf erreicht, werden sie zurück in die Natur gebracht. „Die Finder der Igel erkundigen sich bei uns wie es dem Igel geht. Wir geben ihnen den gesunden Igel zurück, damit sie ihn wieder dort aussetzen können, wo sie ihn gefunden haben“, erklärt Pascale. Ist der Garten am Fundort naturnah – das heisst, er bietet den Igeln Unterschlupf und genügend Futter – kommt er wieder dorthin zurück.
Ist ein Igel untergewichtig, aber ansonsten gesund, können Igelfreunde ihrem stacheligen Gartenbewohner auch daheim helfen. Dazu bietet das Igelzentrum Schlafhäuschen und Gitter, damit können sie den Igel in einem Gehege überwachen bis er genügend Gewicht zugelegt hat und ihm anschliessend das Futter entziehen. Er wird sich dann von selbst in den Winterschlaf zurückziehen. Im Frühling wird das Gehege wieder abgebaut und der Igelfreund kann prüfen, wie gut der Igel den Winterschlaf überstanden hat. Gesunde, normalgewichtige Igel hingegen sollten nicht gefüttert werden - das hält sie vom Winterschlaf ab.

Weitere Informationen:
Webseite vom Igelzentrum Zürich: Ausführliche Informationen zur Biologie des Igels und zahlreiche Tipps, was man tun sollte, wenn man einen Igel gefunden hat.
Bücher:
- Biermann, Claudia. Igel gefunden – was nun? Der Ratgeber für Igelfreunde. 2007. Cadmos Verlag, Brunsbek. ISBN 978-3-86127-079-9.
- Neumeier, Monika. Igel in unserem Garten. Aktualisierte Auflage, 2012. Kosmos-Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-440-11481-0.
Warum machen Igel Winterschlaf? (häsch gwüsst? Coopzeitung)

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