Das Ende des Meers aus Plastik?

80% des Plastikmülls im Meer stammt vom Land. 80% des Plastikmülls im Meer stammt vom Land.

Ein junger Niederländer, Boyan Slat, setzte es sich zum Ziel, die Weltmeere von Plastik zu säubern. Eine kühne Vision, die bereits nah vor der finalen Umsetzung steht.

Gemäss Ocean Care gelangen jährlich knapp 9 Millionen Tonnen Plastikmüll ins Meer. In erster Linie sind diese Plastikteile vor allem gefährlich für die Tiere. Grössere Plastikteile wie Verpackungsmaterial, Säcke oder Einweggeschirr verstopfen die Mägen von Schildkröten, Robben, Walen, Seevögeln und anderen Lebewesen. Zudem können sich die Tiere in Schlingen verheddern und verenden. Durch die Sonneneinstrahlung und das Salzwasser zersetzt sich das Plastik mit der Zeit und zerfällt in immer kleinere Teile – das sogenannte sekundäre Mikroplastik (primäres Mikroplastik stammt beispielsweise aus Kosmetika). Kaum mehr sichtbar, ist es aber nicht weniger schädlich für die Tiere. Die Plastikpartikel binden im Wasser gelöste Schadstoffe (Pestizide) an sich. Als Futter von Kleinlebewesen gelangt dieses mit Schadstoffen angereicherte Plastik in den Organismus der Tiere und somit in die Nahrungskette. Nebst der Schädlichkeit für die Tiere gelangen schliesslich auch mit Schadstoff belastete Tiere zu uns auf den Teller.

Mit der Konstruktion des jungen Niederländers und seines Teams sollen nun diese Müllberge abgefischt und die Gefahr für die Tiere minimiert werden.

Konstruktion

Das Konzept ist simpel: Analog einer schwimmenden Barriere in Form eines Winkels, die im Meeresboden verankert ist, sammelt der “Meeresplastiksauger“ das auf der Oberfläche und den ersten drei Metern unter Wasser schwimmende Plastik ein. Anstelle eines Netzes hat die Barriere die Gestalt einer festen Trennwand. Die Meerestiere und Strömung untertauchen die Trennwand, während der Plastikmüll zurückgehalten wird. Durch die Winkelförmigkeit treibt der Plastikmüll kontinuierlich zur Mitte, wo er bei einer Plattform eingesammelt, aussortiert, komprimiert und recycelt wird. Die Plattform wird durch Sonnenenergie betrieben und benötigt keine externe Energie. Die Plastikfanginstallationen können bis über 100 km Ausdehnung erreichen – eine solche Anlage könnte laut Berechnungen von Ocean Clean Up innerhalb von 10 Jahren die Hälfte des Plastiks aus den Weltmeeren fischen. Die Nutzung der Strömung, anstelle des Abfahrens der Weltmeere auf der Suche nach Plastik, ist der wohl bedeutendste Unterschied zu bereits bestehenden Konzepten.

Stand der Dinge

Nach der blossen Idee des damals unter 20-Jährigen folgten 2014 eine Machbarkeitsstudie sowie 2015 ein Bericht über das Fliessverhalten von Plastik im Meer. Bedenken zur Umsetzung des Projektes konnten mehrheitlich ausgeräumt werden. Im August vergangenen Jahres konnte schliesslich eine Expedition durchgeführt werden, welche die Problemstellung und die Mengen des Plastikmülls im Detail erfasste. Weiter wurden letztes Jahr im maritimen Forschungszentrum Deltares (NL) Modelltests durchgeführt, um in einer kleinen Skalierung die Strömungen, Winde und die Umwelt zu simulieren. Seit Juni ist nun ein Prototyp 23 km vor der niederländischen Küste im offenen Meer verankert. Zwar erst 100 Meter lang, soll er die Effizienz und Wirksamkeit während eines Jahres unter Beweis stellen.

In der zweiten Hälfte 2017 soll eine erste grosse Pilotplattform vor der Küste Japans installiert werden. Nach Einbezug der Erkenntnisse des Pilots soll dann 2020 das finale Grossprojekt umgesetzt und die Ozeane vom Müll befreit werden.

Das Konzept und die Simulationen lassen hoffen. Es scheint wirklich realisierbar. Kritiker hingegen warnen vor der Dimension der Konstruktion und der Verankerung. Heutige Verankerungen reichen bis in eine Tiefe von 2500 Metern, Slat und sein Team hingegen möchten die Installationen im Meeresboden von bis zu vier Kilometer Tiefe verankern. Zudem warnen Fachleute davor, dass nebst dem Plastik auch eine unverantwortbare Anzahl von Tieren gefangen würden; ebensolche welche sich auf das Leben an der Oberfläche und auf Treibgut spezialisiert haben.

Ein weiterer Schwachpunkt des Plastiksaugers ist das Mikroplastik. Zu klein, um von der Trennwand aufgehalten zu werden, wird es weiterhin in die Organismen gelangen. Eine zusätzliche Anreicherung der Weltmeere mit primärem Mikroplastik sollte durch sein Verbot in Kosmetikprodukten verhindert werden.

Ausserdem muss man sich vor Augen halten, dass es nur Symptombekämpfung ist. Die wahre Problemstellung liegt darin, aus Einweg Mehrweg zu machen und eine fachgerechte Entsorgung des Plastiks in allen Teilen der Welt anzustreben.

Der Plastiksauger rettet unsere Weltmeere nicht – aber es ist zumindest ein ambitionierter Ansatz, ein wahrlich riesiges Problem anzugehen. Wir warten gespannt auf die ersten Testergebnisse.

  • Click to enlarge image Meer-Plastik-Oceancleanup-2_v2.jpg So könnte die Installation aussehen. Quelle: Erwin Zwart, The Ocean Cleanup
  • Click to enlarge image Meer-Plastik-Oceancleanup_v2.jpg Plattform im Winkel der Barriere. Quelle: Erwin Zwart, The Ocean Cleanup

Weiterführende Informationen/Quellen:
Projekt Ocean Cleanup
Ocean Care, Plastikmüll im Meer

 

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