Streitpunkt Artensterben: Wie viel erträgt die Welt?

Am stärksten betroffen vom Artenschwund sind, nebst Steppen, Prärien und Strauchlandschaften, die Savannengebiete. Am stärksten betroffen vom Artenschwund sind, nebst Steppen, Prärien und Strauchlandschaften, die Savannengebiete.

Mehr als die Hälfte unserer Ökosysteme auf dem Land sind kurz davor, eine kritische Grenze zu erreichen! Was bedeutet dies für das Ökosystem? Und vor allem, was bedeutet das für uns?

Arten sterben. Jährlich zwischen 11‘000 und 58‘000 Spezies, gemäss den Forschern von Science. Durch den Verlust von Arten verändern sich unsere Ökosysteme und wir laufen in die Gefahr, die Ökosystemdienstleistungen nicht mehr nutzen zu können.

Was sind Ökosystemdienstleistungen?

Die Dienstleistungen der Ökosysteme bilden die Basis unseres Bestehens. Unterteilt werden hierbei vier Leistungen, welche wir von unserer Umwelt beziehen: Die “Versorgenden Ökosystemleistungen“ liefern uns Essen, Wasser und Rohstoffe wie Öl; die “Unterstützenden Ökodienstleistungen“ versorgen uns mit Nährstoffen, Bodenbildung und Primärproduktion von Biomasse; die “Regulierenden Ökosystemleistungen“ bezeichnen die natürlichen Klima-, Krankheits- und Hochwasserregulierungen sowie die Wasserreinigung; die letzten Dienstleistungen werden als “Kulturelle Ökosystemleistungen“ bezeichnet, zu ihnen zählt man Erholung, Ästhetik, Spiritualität etc. Dies sind alles Leistungen, die wir aus unserer Umwelt beziehen. Stören wir deren eingespielte Prozesse, kann es sein, dass die Dienstleistungen nicht mehr in gleichem Ausmass bereitgestellt werden können.

Und welche Rolle spielen hierbei die Arten?

Tiere wie auch Pflanzen besetzen verschiedene Nischen – sie sind spezialisiert auf gewisse Nahrung, gewisses Klima, gewisse Feinde. Stirbt eine Art aus, fehlt sie als Nahrungsgrundlage, als Fressfeind, als Bestäuber, als Produzent etc. Mit der Evolution entstehen wieder neue Arten, welche in freigewordenen Nischen ihr Dasein fristen. Die Problematik hierbei ist die Geschwindigkeit der Prozesse. Sterben zu viele Arten auf einmal aus, gelangt das Ökosystem in einen instabilen Zustand. Als Beispiel sei hier der Verlust verschiedener Insektenarten zu nennen: Insekten nehmen die Bestäubung vieler Pflanzen wahr: Unterschiedliche Spezies bestäuben unterschiedliche Pflanzen. Stirbt ein spezialisiertes Insekt aus, kann mit ihm auch die Pflanzensorte aussterben. Nebst dem Bestäuben fressen sie auch Pflanzenschädlinge. Der Verlust dieser natürlichen Regulierung führt beispielsweise zum Einsatz von mehr Schädlingsvernichtern, um die Ernte zu schützen.

Und jetzt?

Laut dem Bericht von Tim Newbold et al. im Wissenschaftsmagazin “Science“ vom 15.07.16 sind bereits 58 % der weltweiten Landfläche überstrapaziert durch den starken Artenverlust und laufen in die Gefahr ihre Funktionen nicht mehr richtig erfüllen zu können. Insbesondere die Steppen, Prärien, Savannen und Strauchlandschaften sind davon betroffen. Dies klingt nach einer massiven Zahl und lässt vermuten, dass die Welt in naher Zukunft einen Kollaps erfährt. Ohne diese Zahl in Frage zu stellen, möchten wir auf die Kontroverse “Artensterben“ eingehen. Seit Jahrzehnten wird unter Forschern gestritten, wie gross das Artensterben wirklich ist. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert prognostizierten Forscher den Totalverlust der Biodiversität in diesem Jahrhundert.

Problematisch bei der Schätzung des Artensterbens ist die uns unbekannte Anzahl existierender Arten. Aufgrund mangelnden Wissens werden Hochrechnungen, Modelle und Schätzungen zur Hilfe genommen. So bilden die bekannten ausgestorbenen Arten einen Bruchteil der geschätzten. Dies macht das Thema nicht weniger problematisch – nur weniger einschätzbar.

Während viele Forscher bereits vom durch den Mensch ausgelösten 6. Massenaussterben (siehe Box) sprechen, ist Norman MacLeod (Paläontologe am Natural History Museum in London) vorsichtig mit diesen Begrifflichkeiten. Das Massensterben von Arten war in der Vergangenheit dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren zuzuschreiben und nicht einem einzelnen. Zudem gehört das Artensterben zu den evolutionären Prozessen dazu. Trotz dieser relativierenden Betrachtungsweise plädiert er dafür, dass das Aussterben auch in Zukunft die Ausnahme und nicht die Regel sein soll. (Gemäss Paläontologen ist die Lebensdauer einer Säugetier-Art bei etwa zehn Millionen Jahren einzustufen, dann verschwindet sie gemäss Berechnungen sowieso – auch ohne menschlichen Einfluss.)

Nichtsdestotrotz ist die Thematik des Artensterbens von grosser Wichtigkeit. MacLeod sieht aber auch eine positive Entwicklung: Forschung und Bildung wie auch Politik implementieren die Thematik immer mehr. Während das Thema vor 200 Jahren noch nicht ernst genommen wurde, besteht heute zumindest ein Konsens über die Relevanz der Artenvielfalt im Ökosystem.

Egal, welcher Front von Wissenschaftler man folgt, eines ist beiderseits unbestritten: Der Mensch ist mitverantwortlich für das Artensterben und somit auch verantwortlich, den Lebensraum zu schützen oder wo nötig zu renaturieren. Denn folgendes ist ebenso klar: Die Erdgeschichte verkraftet ein weiteres Massensterben, die Spezies “Mensch“ vermutlich nicht.

Das 6. Sterben
Bereits fünf Mal in der Geschichte der Erde fand ein Massenaussterben statt (auch “Big Five“ genannt). Dabei verschwanden grosse Teile der Artenvielfalt in einer, geologisch gesehen, kurzen Zeitspanne (Jahrzehnte bis Jahrhunderte). Das bekannteste und letzte Beispiel für ein Massensterben fand mit dem Verschwinden der Dinosaurier statt. Das 6. Sterben, verursacht durch den Menschen, prognostiziert beispielsweise Elizabeth Kolbert in ihrem Buch (Das 6. Sterben, Suhrkamp).

 

Weiterführende Informationen/Quellen:
Science, Artikel
Bild der Wissenschaft, Beitrag “ökologisches Roulette“
Rote Liste, IUCN

 

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