Die Ozeane geben ihr Plastik (noch?) nicht her

Das System 001, "Wilson", von The Ocean Cleanup im November 2018 Das System 001, "Wilson", von The Ocean Cleanup im November 2018

Der erste Versuch des Projekts The Ocean Cleanup, die Ozeane vom Plastikmüll zu befreien, hatte wenig Erfolg. Zwar noch nicht gescheitert, mehren sich doch die ernsten Bedenken.

Das Wörtchen "genial" fiel öfters mal, nachdem der Niederländer Boyan Slat, alarmiert von der Plastikverschmutzung der Weltmeere, seinen Entwurf vorstellte, dieser grossen Gefährdung der maritimen Ökosysteme Meister zu werden. Wir erinnern uns: Sein vor sechs Jahren vorgestelltes Konzept sieht vor, passive Auffangvorrichtungen auszubringen. Die bestehen im Wesentlichen aus zwei Teilen: Einem 600 Meter langen Schwimmer, der angetrieben von Wellen, Wind und Strömung in U-Form auf der Oberfläche treibt, und daran angehängt eine 3 Meter ins Wasser herabreichende Schürze, die alle grösseren Plastikteile in der Innenfläche konzentriert. Diese Innenfläche kann dann regelmässig "abgefischt" werden. Das schien die bis dahin effizienteste und schonendste Lösung, und entsprechend erfuhr sein Start-up The Ocean Cleanup viel Unterstützung und konnte, finanziert durch Crowdfunding, schon bald an die praktische Umsetzung gehen. Das tat es mit genügend Energie, dass bereits im letzten Jahr ihr System 001, "Wilson", im Great Pacific Garbage Patch ausgesetzt werden konnte.

Wilson will nicht recht

Als im letzten Dezember die Meldungen sich mehrten, dass die Sammeltätigkeit von Wilson weit hinter den Erwartungen zurückbleibe, kam das - angesichts der eiligen Entwicklungszeit und verschiedener Kritikpunkte, die noch nicht beantwortet waren - nicht besonders überraschend. Natürlich mussten sich der sendungsbewusste Boyan Slat und sein Team um Häme und Ernüchterung nicht eigens bemühen, aber so einiges davon klang doch mehr danach, als sollten hier dem jungen Ökobewegten mal bequem die Flügel gestutzt werden. Dass einem ambitionierten technischen Grossprojekt wie dem Ocean Cleanup erst mal die Kinderkrankheiten ausgetrieben werden müssen, ist selbstverständlich, und nur die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit und die Transparenz der Non-Profit-Organisation machten dies überhaupt erst zum News-Event. Ernsthaftere Einwände kamen indessen von Ozeanographinnen und Meeresbiologen, die frühere Befürchtungen bestätigt sahen. Leider mehren sich indessen die Zeichen, dass sie recht behalten und die Schwierigkeiten, denen sich das Unternehmen gegenüber sieht, nicht nur technischer, sondern struktureller Natur sein könnten. Anfangs Januar musste "Wilson" in Folge des Abbruchs eines Teils des Schwimmers zur Reparatur an Land geschleppt werden.

Diese Probleme mit der Widerstandsfähigkeit des Konstrukts im offenbar unterschätzten Wellengang lassen sich, so ist zu erwarten, mittels technischer Korrekturen in Griff kriegen. Schwerer wiegt indessen, dass es betreffs seines eigentlichen Zwecks, des Sammelns von Plastikabfällen, hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das Team, das den ersten Einsatz von "Wilson" begleitete, musste feststellen, dass einmal im Innenraum der U-Form eingefangene Plastikteile diese wieder verliessen. Dies liege wahrscheinlich daran, meldete Boyan Slat, dass das System sich zu langsam bewege. Derweil er auch hierfür jetzt eine technische Lösung anstrebt, die seine eigentliche Zielsetzung der passiven, also emissionsfreien Sammeltätigkeit nicht beschädigt, bleiben ernste Zweifel, ob die Konstruktion die angekündigten Ergebnisse (Entfernung von 90% des Plastikmülls im Pazifischen Müllstrudel bis 2040) auch nur annähernd sicherstellen kann. Mehrere Gründe sprechen dagegen.

Zweifel und Bedenken

Das System von The Ocean Cleanup ist darauf angelegt, an der Oberfläche treibendes Makroplastik einzufangen. Untersuchungen der letzten Jahre haben nun aber gezeigt, dass sich die Abfälle auch wesentlich tiefer in der Wassersäule herumtreiben als die drei Meter, die die Schürze des Systems ins Wasser reicht. Des Weiteren bleibt das Mikroplastik, dessen Verbreitung und Häufung ja zunehmend besorgniserregende Ausmasse annimmt, davon weitgehend unbehelligt. Die Entfernung des Oberflächenplastiks verhindert nur, dass dieser nicht zu weiterem Mikroplastik zerrieben wird, reinigt die Ozeane aber nicht davon. Damit bleibt das Problem der Akkumulation des Mikroplastiks in den maritimen Lebensräumen und Nahrungsketten bestehen. Ebenfalls nicht ausgeräumt ist die Gefahr des ungewollten "Beifangs" von Meereslebewesen im bisherigen System. Diesbezüglich wiegelte Boyan Slat zwar ab, Fische und gefährdete Meeressäuger würden unter der Schürze einfach durchtauchen: Ein Befund, an dem Meeresbiologinnen ernste Zweifel hegen. Die Studie, die Ocean Cleanup hierzu durchgeführt habe, decke wesentliche Spezies, die im Einsatzgebiet vorkommen, gar nicht ab, urteilten beispielsweise die Ozeanografinnen Kim Martini und Miriam Goldstein in einem Review. Und selbst wenn dem so wäre, bleibt zu bedenken, dass grosse Teile der Meeresfauna dazu keine Möglichkeit haben: Das höchst bedeutsame Zooplankton etwa schwimmt und taucht nicht im dazu erforderlichen Umfang; es treibt.

Boyan Slat wird nun vorgeworfen, im Vorfeld seiner Unternehmung auf die Einwände und Verbesserungsvorschläge von Experten zu wenig eingegangen zu sein. Hier treten die Arbeitsweisen von Wissenschaft und Ingenieurwesen bzw. Unternehmertum gegeneinander an. Verständlicherweise möchte die wissenschaftliche Gemeinschaft - die ja ein vitales Interesse an einer Lösung des Müllproblems hat - ihre Expertise gern unterstützend einbringen und ihren Sorgen Gehör verschaffen. Verständlich ist aber auch, dass ein Technikerteam nicht auf jeden vorgetragenen Einwurf mit einer Generalüberholung der Konzeption reagieren kann, möchte es seine Arbeit auch irgendwann fertigstellen.

Symptombekämpfung vs. Wurzelbehandlung

Unvermeidbar werden ebenfalls die Stimmen lauter, die dem ganzen Grundgedanken des Ocean Cleanup skeptisch gegenreden. Die Reinigung der Ozeane sei ja eine Symptombehandlung, das hier eingesetzte Geld würde vielleicht besser darauf verwendet, das Problem an der Quelle anzugehen: Mit einer wesentlichen Verringerung des Plastikkonsums und der Blockade der Wege, auf denen es überhaupt ins Meer gelangt. Zu Recht geben sie zu bedenken, dass die Botschaft von Ocean Cleanup schnell zu einer kontraproduktiven werden könne, im Sinne von: "Ach, die fischen das dann ja sowie raus und recyclieren es... " Dennoch sind auch solche idealistischen Rufe nach einer Wurzelbehandlung mit Vorsicht zu geniessen. In einer perfekten Welt funktioniert das: Da machen die Leute, was wir ihnen besten Gewissens raten. In der Geschichte der Umweltbewegung sind solche Events aber rar, und es läuft in aller Regel auf ein Sowohl-als-auch hinaus.

Reinigung, Recyling und Vermeidung: Eine diversifizierte Lösung wird auch hier der tauglichste Weg sein. Wer sich vom Ocean Cleanup eine einfache, umfassende Lösung versprach, wird sich von dieser Hoffnung wohl verabschieden müssen - und auch Boyan Slat und seine Mitstreiterinnen müssen vom Vorsatz der Meeresrettung in Eigenregie ein Stück zurückrudern. Solche Ernüchterung birgt stets die Gefahr, es könnte ähnlicher Initiative und Kreativität den Wind aus den Segeln nehmen. Das ist zu vermeiden. Stattdessen können wir uns bemühen, dass kein Plastik aus unseren eigenen Händen alsbald im Meer treibt. Und ebenfalls kann hier der Politik mehr Druck gemacht werden, die sich betreffs der Vermeidung von Plastikmüll in Industrie und Wirtschaft gern auf Freiwilligkeit verständigt (wie gerade wieder in Deutschland geschehen). Denn damit, so zeigt sich bislang, wurden noch keine bedeutsamen Ergebnisse erzielt.

 

Quellen und weitere Informationen:
The Ocean Cleanup: Verlautbarung zur Rückkehr von "Wilson" an Land
Kim Martini/Miriam Goldstein: The Ocean Cleanup - Technical review of the feasibility study
Bettina Wurche auf scienceblogs zur Bedrohung von Plankton durch Ocean Cleanup
Artikel: Umweltministerin Schulze setzt bei Plastikmüll auf Freiwilligkeit

 

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