Umweltschutz unter Lebensgefahr: 212 getötete Aktivistinnen

Viele Umweltschützer werden bedroht, verletzt und sogar getötet. Viele Umweltschützer werden bedroht, verletzt und sogar getötet.

2019 war eines der tödlichsten Jahre für Umweltschützerinnen weltweit. Lateinamerika ist besonders gefährlich – aber auch in Europa werden Aktivistinnen ermordet.

Als Umweltaktivistin wird man in Europa eventuell belächelt, manchmal angefeindet oder auch von gewissen Politikerinnen auf Twitter der Lüge bezichtigt. Greta Thunberg wird wohl unzählige Hass- und auch Drohnachrichten erhalten. Doch in Lebensgefahr ist sie im sicheren Schweden/Europa hoffentlich nicht. Ganz anders sieht es im Rest der Welt aus. Im letzten Jahr wurden pro Woche durchschnittlich 4 Umweltschützerinnen ermordet. 

Ein trauriger Rekord 

Die von der Nichtregierungsorganisation Global Witness veröffentlichte Studie meldet für das Jahr 2019 weltweit 212 getötete Umweltaktivistinnen. Die Anzahl der Morde ist damit so hoch wie noch nie. 2018 lag die Zahl der Morde bei 164, im Jahr davor bei 153. Die NGO geht jedoch von einer weit höheren Dunkelziffer aus. Denn viele Straftaten werden vertuscht oder sie werden aus Angst von den Hinterbliebenen nicht angezeigt. Die Zahl der bedrohten, verleumdeten und verletzten Umweltschützerinnen ist noch weitaus grösser. Oftmals haben die Menschenrechtsverletzungen keine strafrechtlichen Konsequenzen. Der Großteil der Morde bleibt ungesühnt. 

Besonders in Südamerika ist der Einsatz für den Naturschutz lebensgefährlich: Zwei Drittel der Morde wurden hier begangen. Gleich zwei südamerikanische Länder schaffen es unter die ersten drei. Trauriger Spitzenreiter ist Kolumbien mit 64 Toten, Brasilien übernimmt Platz drei mit 24 Getöteten. Auf den Philippinen wurden 43 Umweltschützer getötet. Laut Global Witness waren 40 Prozent der Todesopfer Indigene, der Frauenanteil lag bei zehn Prozent.  

Die Umweltaktivistinnen, die gegen eine skrupellose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die Abholzungen der Wälder und somit auch gegen den Klimawandel kämpfen, werden von den Mächtigen der Erdöl- und Gas-, Bergbau- oder Agrarindustrie bedroht. Wirtschaftliche Interessen sind oft nur schwer mit dem Umweltschutz vereinbar. Ein Einsatz für die Natur und die Rechte der Indigenen wird deshalb oftmals lebensgefährlich. 50 der ermordeten Umweltschützerinnen waren Gegnerinnen verschiedener Bergbauprojekte, 34 engagierten sich vor ihrem Tod gegen Agrarunternehmen und 24gegen Abholzungen. Die Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen sind Unternehmen, Farmer, aber auch staatliche Akteure sowie kriminelle Banden, paramilitärische Gruppen und Rebellen.  

Tatort: Mexico / Motiv: Monarchfalter / Opfer: Homero Gómez González und Raúl Hernández Romero  

In diesem Jahr ging es in gleichem Stil weiter. In Mexiko werden immer wieder Naturschützer bedroht und getötet. Anfang 2020 wurden die beiden Schmetterlingsschützer Homero Gómez González und Raúl Hernández Romero ermordet aufgefunden. Sie leisteten in Mexico Widerstand gegen die illegale Abholzung der Wälder in Michoacán. Dort findet der Monarchfalter Schutz vor der Kälte. Die Schmetterlinge fliegen jedes Jahr eine Strecke von 4500 Kilometer von Kanada nach Mexiko, um dort zu überwintern. Die Schmetterlingspopulation ist rückläufig. In Michoacán sind zahlreiche kriminelle Banden aktiv, einige von ihnen handeln mit illegal geschlagenem Holz. Auch der zunehmende Anbau von Avocados, deren Plantagen auf den oftmals illegal gerodeten Waldflächen entstehen, verkleinert ständig den Lebensraum der Schmetterlinge. Der Einsatz von Pestiziden und der Klimawandel bedrohen die faszinierenden Insekten zusätzlich. 

Tatort Philippinen / Motiv: Palmöl / Opfer: „Toto“ Veguilla Jr.  

Um die Welt über den Zustand der Regenwälder aufmerksam zu machen, veröffentlichte der Ranger „Toto“ Veguilla Jr. regelmässige Updates seiner Patrouillen in den sozialen Medien. Sein letzter Rundgang endete tödlich: Er stiess auf illegale Holzfäller, die ihn brutal ermordeten. An vielen Orten muss der philippinische Regen- und Mangrovenwald den Monokulturen für die Palmölproduktion weichen. Aber auch die Zuckerrohr-Bauern sind in den Philippinen nicht sicher. Bei Polizeieinsätzen kamen im letzten Jahr insgesamt 23 Landwirte ums Leben.  

Tatort: Rumänien / Motiv: Holzmafia / Opfer: Liviu Pop und Raducu Gorcioaia  

Selbst in Europa sind Aktivisten in Lebensgefahr. In einem der letzten verbliebenen Urwälder des Kontinents wurden im letzten Jahr zwei Förster ermordet. Liviu Pop und Raducu Gorcioaia engagierten sich gegen den illegalen Holzhandel. Mit dem Beitritt in die EU vor 20 Jahren stieg der Holzexport von Rumänien stark an. Doch das gehandelte Holz stammt teilweise auch aus Schutzgebieten, in denen gefährdete Pflanzen- und Tierarten leben. Die während der letzten 20 Jahre abgeholzten Flächen umfassen gemäss Schätzungen zwischen 3.000 und 4.000 Quadratkilometer. Laut Forstarbeitergewerkschaft Silva wurden in den vergangenen Jahren sechs Förster getötet. Die staatliche Forstverwaltung Romsilva meldete 16 tätliche Angriffe im Jahr 2019.  

Tatort: Kolumbien / Motiv: Kohle / Opfer: Angelicá Ortiz 

Der größte Steinkohletagebau Lateinamerikas ist die Kohlemine El Cerrejón im Department La Guajira im Nordosten Kolumbiens. Die 690 Quadratkilometer grosse Kohlemine verursacht vor Ort enorme Umweltschäden. Lokale Aktivistinnen wie Angelicá Ortiz sprechen von versiegenden Wasserquellen und von mit Schwermetallen belastetem Wasser. Für die Indigenen, die in der Halbwüste hauptsächlich von der Viehzucht leben, ist der Wassermangel existenzbedrohend. Die mehr als 25 Millionen Tonnen Kohle, die dort jährlich gefördert und unter anderem auch nach Europa exportiert werden, heizen zusätzlich die Erderwärmung weiter an. Auch die Stromkonsumenten in Europa sind in der Verantwortung, wenn es um die Gesundheit der Menschen dort geht. 


„Die Menschen in Europa sollten wissen, was hier passiert, damit sie es hell und warm haben. Hier müssen ganze Dörfer weichen und die Menschen werden krank.“  
Angelicá Ortiz, Frauenverband der Wayúu  


Angelicá Ortiz lebt, wird aber immer wieder bedroht, eingeschüchtert und erhält Morddrohungen. Zuletzt war ihr Name auf Flugblättern mit dem Titel „Tod für alle“ zu lesen; zusammen mit der Aufforderung, die Region innerhalb 48 Stunden zu verlassen. Sie kämpft jedoch weiter gegen das Unrecht an ihrem Volk und der Natur. 


 

 


 

Quellen und weitere Informationen:  
Global Witnesse: Environmental Activistis
Barrikade: Gedenkaktion an ermordete Umweltaktivistinnen
SZ: Der Beschützer der Schmetterlinge ist tot
ORF: Holzhandel in Rumänien

  

 

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