„Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken.“

Bernd Nilles spricht an der Gedenkfeier für den Pizolgleschter. Bernd Nilles spricht an der Gedenkfeier für den Pizolgleschter.

Fastenopfer ist ein katholisches Hilfswerk mit Sitz in Luzern, das sich für benachteiligte Menschen einsetzt. Immer häufiger rücken dabei auch der Aspekt der Umwelt und ein Wandel zu einer nachhaltigen Lebensweise in den Fokus.

Bernd Nilles, der Geschäftsleiter von Fastenopfer, erklärt in einem informativen Gespräch die verschiedenen Zusammenhänge zwischen Menschenrechten und Klimawandel.


Umweltnetz-Schweiz: Sie waren Generalsekretär von CIDSE und haben nun zu Fastenopfer gewechselt. Was hat Sie dazu bewogen, in einer Mitgliedsorganisation der CIDSE zu arbeiten?

Bernd Nilles: Ich war neun Jahre in Brüssel bei CIDSE, der internationalen Dachorganisation für katholische Hilfswerke in Europa und Nordamerika. Dort habe ich mich stark auf Ebene der Europäischen Union und der Vereinten Nation bewegt. Ich war an vielen Welt- und Klimagipfeln - an den sogenannten COPs - den conference of the parties - dabei. Ausserdem war ich aktiv bei den Verhandlungen über die nachhaltigen Entwicklungsziele. Die Arbeit war sehr anstrengend und beinhaltete viele Reisen. Ich habe bemerkt, dass ich dadurch sehr weit weg von den Menschen war. Ich war nur noch mit Diplomaten und Experten zusammen. Da ich mich früher häufig in sozialen Bewegungen, NGOs, der Kirche und Vereinen engagiert hatte, verlangte es mir nach einem Job in diesem Themenbereich - in der Entwicklungspolitik und der Nachhaltigkeit. Diesmal jedoch etwas näher bei den nationalen und lokalen politischen Entscheidungen. Fastenopfer kannte ich bereits und wusste es ist eine sehr gute NGO. Als die Stelle des Geschäftsleiters frei wurde, habe ich mich beworben und leite die Organisation nun bereits seit über vier Jahren. 

Un-s: War die Entscheidung in die Schweiz zu kommen schwierig für Sie?

B. N.: Wegziehen war grundsätzlich kein Problem. Ich bin gebürtig aus Deutschland und bin, als meine Kinder noch klein waren, mit meiner Familie nach Belgien gezogen. Da war ein toller Job ausgeschrieben und gleichzeitig hatten meine Kinder dadurch die Möglichkeit zweisprachig aufzuwachsen. Eine gewisse Mobilität liegt anscheinend in unserem Naturell. In der Schweiz war ich vor Fastenopfer nur sehr selten -  ich komme aus ganz normalen Familienverhältnissen, da blieb kein Geld übrig für Urlaub in der Schweiz. Als ich dann bei Fastenopfer begann, war eine erste grosse Überraschung das Schweizerdeutsch. Ich habe ganz ehrlich nicht gewusst, dass da so ein starker Unterschied zum Hochdeutsch besteht und habe dann sofort einen Schweizerdeutschkurs besucht.

 

Un-s: Wie kamen Sie dazu, sich für Themen wie Menschenrechte und Klima einzusetzen? Gibt es eine Person oder ein Ereignis, das Sie in Ihrer Jugend geprägt hat?

B. N.: Ich war sehr aktiv bei der katholischen Jugend in Deutschland (KJG). Ausserdem war ich in einem Arbeitskreis, in welchem wir kleine Solidaritätsaktionen für die Dritte Welt organisiert haben. Eines Tages gab es die Möglichkeit, eine Partnerschaft mit Jugendlichen aus Kolumbien aufzubauen. Ich bewarb mich und reiste nach Südamerika. Dort halfen wir in einem Flüchtlingsprojekt mit. In Kolumbien gibt es sehr viele interne Flüchtlinge; Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden. Es herrschte damals ein interner Krieg mit sehr viel Gewalt. Eine schwierige Situation. In diesem Flüchtlingsprojekt arbeiteten auch sogenannte Menschenrechtsverteidiger, also Expertinnen und Experten im Bereich Menschenrechte. Das war eine sehr prägende Zeit.
Ich reiste dann zurück nach Deutschland und begann mein Studium der Sozial- und Politikwissenschaften. Wenige Monate nach meiner Rückkehr erfuhr ich, dass der Projektleiter verschwunden war. «Verschwindenlassen» war eine in Kolumbien verbreitete, schwere Menschenrechtsverletzung. Menschen wurden umgebracht und die Leichen liess man verschwinden. So konnte nicht nachgewiesen werden, dass die Menschen wirklich tot waren und es konnte kein Verfahren eingeleitet werden. Denn damals gab es keine Rechtsgrundlage dieses Vergehen zu verfolgen. Ich habe dann bei einer internationalen Protestaktion mitgemacht, Unterschriften gesammelt, mit Bundestagsabgeordneten gesprochen und versucht, darauf aufmerksam zu machen. Kolumbien geriet dann so stark unter Druck, dass sie tatsächlich - zwar erst Jahre später – die schuldigen Menschen, die für das staatliche Militär arbeiteten, des Mordes anklagten. Da habe ich gemerkt, man kann etwas verändern. Ich reiste dann nochmals nach Kolumbien, um dort meine Diplomarbeit über die Menschenrechtslage im Land zu schreiben. In meinem Büro sass ich hinter Panzerglas. Die Erkenntnis, wie gefährlich die Arbeit für Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler sein kann, hat mich weiter geprägt. Deshalb habe ich mich entschieden für Organisationen zu arbeiten, die die Menschenrechte verteidigen.

 

Un-s: Sie haben sich bei der Geschäftsstelle von Fastenopfer dafür stark gemacht, den ökologischen Fussabdruck zu reduzieren. Was haben Sie so vorgeschlagen und was wurde umgesetzt?

B. N.: Meine Devise ist: Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken. Wenn wir als Fastenopfer den Menschen in der Schweiz sagen, wir müssen klimaneutral werden, ist es natürlich glaubwürdiger, wenn wir auch selbst versuchen, das einigermassen hinzubekommen. Als Einzelmensch, aber auch als Organisation. In meinem ersten Jahr bei Fastenopfer haben wir daher eine Beschaffungsrichtline verabschiedet. Die Produkte, die wir einkaufen, müssen bio und regional sein. Ausserdem wird an unseren Meetings kein Fleisch angeboten. Zudem beziehen wir Naturstrom aus 100% erneuerbaren Energien. Auch die IT-Infrastruktur haben wir nach sozialökologisch und ethischen Kriterien ausgerichtet. Natürlich wissen wir, dass jeder Laptop einen ökologischen Schaden verursacht, aber wir können nicht ohne Computer arbeiten. Laptops erleichtern den Mitarbeitenden die Arbeit zuhause und das Arbeiten während langer Zugreisen, auch dies kann positive Umweltwirkungen haben. Letzteres kommt oft vor, denn wir haben eine Reise-Policy, nach der wir in Europa nicht fliegen. Wir stossen aber auch an Grenzen, denn wir sind eine internationale Hilfsorganisation und müssen hin und wieder in die Projektländer reisen: Dafür wären klimaneutrale Flugzeuge ideal. Durch Videokonferenzen und lokale Mitarbeitende vor Ort können wir das Reisen aber in Grenzen halten.

Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken.

Seit neustem haben wir nun auch eine Gemeinwohlbilanz, welche transparent macht, wie wir auf dem Weg zur Klimaneutralität voranschreiten und wie sich unser ökologischer Fussabdruck gestaltet.

 

Un-s: Sie werden in Ihrer Arbeit oft direkt mit Ungerechtigkeiten konfrontiert. Macht Sie das nicht manchmal wütend? Waren Sie in Situationen schon der Resignation nahe?

B. N.: Ja gewiss, zum Beispiel damals in Kolumbien, und später auch in den tropischen Regenwäldern von Brasilien. Die massive Abholzung der Regenwälder, die Vertreibung der indigenen Gemeinschaften, die Verschmutzung des Wassers - nur damit die Rohstoffe nach Europa kommen und wir aus dem Eisenerz Autos bauen können. Wenn ich ein Auto auf der Strasse sehe, dann sehe ich diese Zusammenhänge. Es schockiert mich, was der Mensch anderen Menschen und der Natur antun kann und wie er sich letztendlich selbst damit gefährdet.
Auch die Weltklimagipfel haben mich geprägt. Mein erstes Trauma war 2009, während des Klimagipfels in Kopenhagen, wo zum ersten Mal versucht wurde, einen Weltklimavertrag hinzubekommen. Am Ende konnten sich Merkel und Obama und die anderen Politiker nicht auf mehr als ein handschriftliches A4-Papier mit der Aussage einigen, dass sie irgendwie alles Mögliche tun wollen, um den Klimawandel abzuwenden. Mehr war nicht drin. Obwohl alle klimawissenschaftlichen Informationen vorlagen, dauerte es nochmal 6 Jahre, bis wir endlich den Pariser Klimavertrag hatten…
Weiterhin lassen mich die Besuche der Fastenopferprojekte im globalen Süden nicht kalt – dort sind die krassen Folgen der Klimakrise schon jetzt zu sehen – und wie sie das Leben der Menschen dort gefährden. Umso schwerer ist für mich zuzusehen, wenn in Schweiz und Europa Politikerinnen und Politiker den Zeitdruck der Gefahr relativieren. Deswegen bezeichne ich mich manchmal auch als Klimaaktivist. Ich gehe gerne auf Klimademos und Proteste. Man kann nicht nur vom Schreibtisch ausarbeiten; manchmal muss man auch auf die Strasse.

 

Un-s: Sie haben einmal gesagt, ziviler Ungehorsam sei gerechtfertigt, wenn man bedenke, dass die heutige Klimakrise einer einseitigen Aufkündigung des Generationenvertrages gleichkomme. Wie weit darf dieser zivile Ungehorsam gehen?

B. N.: Das kann man nicht ganz klar definieren, auch Juristen können sich darüber stundenlang streiten. Mir ist wichtig, dass das Engagement keine anderen Menschen gefährdet oder verletzt. Ziviler Ungehorsam muss friedlich sein, aber er darf natürlich Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist ja das Ziel des Ganzen.
Der Klimawandel bedroht schon heute uns alle – und im globalen Süden ist er bereits lebensbedrohende Realität, aber vor allem bedroht er die Zukunft der Kinder. Sie sind es, die einen grossen Teil der globalen Erwärmung und der immer grösseren Wetterextreme erleben werden. Das bedeutet:

Wer CO2 ausstösst, bedroht ganz konkret die Zukunft der Kinder.

Da ist man als Mensch gefordert, dass man ein symbolisches Zeichen setzt und sich zugunsten eines grösseren Anliegens nicht an eine Regel hält… Das ist immer eine Gratwanderung.

 

Un-s: Sie haben also selbst schon bei zivilem Ungehorsam mitgemacht?

B. N.: Zum ersten Mal in den 80er-Jahren gegen das südafrikanische Apartheid Regime. Da gab es bestimmte Firmen, die weiterhin Produkte aus Südafrika importierten. Wir haben diese Geschäfte blockiert. Natürlich ist es verboten, vor einem Laden zu stehen und den Lieferanten mit den südafrikanischen Produkten nicht durchzulassen, aber ich hielt das für moralisch gerechtfertigt. Genauso wie ich es für ethisch gerechtfertigt halte, wenn sich eine Kirche entscheidet, einer Familie vor der Abschiebung Kirchenasyl zu gewähren.
Ich habe mich ausserdem vor den Hambacher Forst gestellt und versucht zu verhindern, dass die Bagger dort weiter Braunkohle abbauen. Obwohl die Firma die Lizenz dafür hatte, halte ich den weiteren Abbau für zu gefährlich für die Menschheit. Dem muss man sich dann manchmal in den Weg stellen.

 

Un-s: Das Engagement von kirchlichen Organisationen und Umweltverbänden für die Konzernverantwortungsinitiative hat Kritiker auf den Plan gerufen. FDP-Ständerat Ruedi Noser hat die Frage aufgeworfen, ob das zunehmende politische Engagement von gemeinnützigen Organisationen mit dem Steuerprivileg noch kompatibel sei. Der Ständerat hat nun die Motion knapp angenommen. Was halten Sie davon?

B. N.: Ich meine, diese Motion erschüttert die Schweiz in ihren demokratischen Prinzipien. Es gibt keine Demokratie ohne eine Zivilgesellschaft, die sich für ihre Umwelt, soziale Gerechtigkeit oder ihre Gesundheit engagiert. Ein solches Engagement ist immer politisch. Wenn ich mehr Kitaplätze fordere, dann ist das politisch. Wenn ich weniger CO2-Ausstoss fordere, dann ist das politisch. Wenn ich fordere, dass internationale Konzerne, die in der Schweiz sitzen, sich an die Menschenrechte halten, dann ist das politisch. Und es ist zugleich gemeinnützig.
Fastenopfer engagiert sich nicht für Umwelt und Menschenrechte, um daraus einen finanziellen Profit zu schlagen, sondern um die Schwächsten im globalen Süden zu unterstützen. Das ist etwas anderes als die Lobbyarbeit von Firmen für ihren konkreten Profit. Es ist für mich absolut irrational zu sagen, politisches Engagement sei nicht gemeinnützig. Es ist bedauerlich, und ich hoffe sehr, dass der Nationalrat die Motion ablehnt. Sehr viele Stiftungen, Vereine und Verbände wären davon potentiell betroffen.

 

Un-s: Die SNB will nicht aus Investitionen in fossile Energien aussteigen. Die UBS investiert in die brasilianische Agrarindustrie. Was unternimmt Fastenopfer gegen solche Auswüchse?

B. N.: Fastenopfer arbeitet mit Partnerorganisationen in 14 Ländern des globalen Südens zusammen. Dabei beobachten wir, dass bestimmte Ursachen von Problemen nicht vor Ort liegen, sondern auf nationaler oder internationaler Ebene – eben auch in der Schweiz. In Burkina Faso beispielsweise werden Bauern von ihrem Land vertrieben, damit Gold abgebaut werden kann, welches dann seinen Weg in die Schweiz findet. Da reagieren wir. Bei Klimathemen ist das auch so. Wenn in Minen durch Firmen mit Schweizbezug Rohstoffe abgebaut, Menschenrechte verletzt und die Umwelt zerstört wird, mischen wir uns ein und machen das öffentlich. Wir sehen die massiven Auswirkungen des Klimawandels bei unseren Projektpartnern und versuchen zu identifizieren: Wo liegt die Schweizer Verantwortung?
In der Schweiz gibt es drei Berechnungsgrundlagen für den CO2-Ausstoss. Erstens den ganz konkreten CO2-Fussabdruck der Menschen, die hier leben. Da spricht man von ungefähr 4,2 Tonnen CO2 pro Kopf. Dabei muss man aber beachten, dass die Schweiz sehr viel importiert. Es kommen also, zweitens, die grauen Emissionen dazu. Da sind wir bereits bei fast 15 Tonnen CO2 pro Kopf. Wenn wir nun noch den Finanzmarkt dazunehmen und schauen, wo überall unser Schweizer Geld drinsteckt, stellen wir fest, dass sehr viel Geld der Nationalbank und der Pensionsfonds immer noch in fossilen Brennstoffen angelegt ist: In der Öl-Förderung, im Kohleabbau, in Gaspipelines. Hier macht Fastenopfer mit Petitionen –wie in diesem Frühjahr, Briefen und Aktionen Druck auf die Nationalbank, damit aufzuhören. Erst einmal, weil das für das Klima die richtige Entscheidung ist. Und dann aber auch, weil es finanzpolitisch keinen Sinn mehr macht, dort anzulegen, da das Wirtschaftsmodell der Ausbeutung von fossilen Brennstoffen ausläuft. Letztendlich gefährden diese Anleger die finanzielle Stabilität und die Nachhaltigkeit.

 

Un-s: Das momentane System der Menschheit ist nicht nachhaltig und nicht gerecht. Sehen Sie einen Silberstreifen am Horizont, dass sich da bald etwas verändern könnte?

B. N.: Ja, ich sehe insgesamt eine positive Dynamik. Ich habe da auch den direkten Vergleich. Als ich mich anfangs der 2000er Jahre intensiver mit der Klimathematik zu befassen begann, wollten noch sehr viele Menschen und Vertreter aus Wirtschaft und Politik gar nicht glauben, dass der Klimawandel wichtig ist oder überhaupt existiert. 2021 kommen - egal, auf welcher Veranstaltung ich rede – keine diesbezüglichen Provokationen mehr aus dem Publikum.

Es ist jetzt Konsens, vom Küchentisch bis in die Politik und Wirtschaft; wir müssen bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein.

Diese Diskussion nicht mehr führen zu müssen, ist schon sehr beruhigend.
Was jetzt spannend wird, ist die Geschwindigkeit, mit der wir voranschreiten müssen. Der Bundesrat strebt Klimaneutralität für 2050 an. Fastenopfer kommt mit anderen NGOs und WissenschaftlerInnen zu dem Schluss, dass die Schweiz als wohlhabendes Land mit sehr viel CO2-Ausstoss bis 2040 klimaneutral sein muss. Das erfordert jetzt natürlich wieder viel Druck auf die Politik. Dort erlebe ich bei einigen Offenheit, bei andern noch Skepsis, ob die Schweiz das so schnell schaffen kann. Ich erlebe aber viel Rückhalt in der Bevölkerung. Die Menschen fragen sich, wie sie nachhaltig leben können. Wir als Fastenopfer bieten dafür zum Beispiel die Klimagespräche Schweiz an, um den Menschen zu helfen, Antworten zu finden. Wie komme ich runter auf Klimaneutralität mit meiner Familie? Und was müssen andere leisten, Wirtschaft und Politik? Konsumentinnen und Konsumenten alleine können ja nicht alles schaffen, da müssen am Ende mehrere Kräfte zusammenspielen… Es geht jetzt also „nur“ noch um die Frage, wie schaffen wir das ganz konkret, wie schnell muss die Ölheizung raus, wie schnell müssen wir von Benzinautos auf nachhaltige Transportmittel umsteigen, wann die Gasversorgung runterfahren… Meine Antwort ist natürlich: Sehr schnell.
Vor allen Dingen müssen wir aufhören, die falschen Anreize zu setzen. Wir würden schon viel erreichen, wenn wir aufhören würden, die Industrien und Technologien, die über fossile Brennstoffe funktionieren, weiterhin zu subventionieren und zu schützen. Diese Unterstützung für die Auto- und Flugindustrie und für die fossilen Rohstoffkonzerne ärgert mich masslos. Die Schweiz ist einer der grössten Rohstoff-Handelsplätze der Welt. Wir könnten einen enormen Beitrag leisten, indem wir das jetzt runterfahren.
Auch wenn ich ein recht positiver Mensch bin, bin ich mir bewusst, dass wir nur noch eine 50/50-Chance haben unter der 1.5 Grad-Grenze zu bleiben. Und dies auch nur, wenn wir es schaffen den CO2-Ausstoss bis 2030 um 50% zu senken verglichen mit 1990 und bis 2040 klimaneutral zu sein. Bezüglich der 2-Grad-Grenze ist die Chance noch ein bisschen höher, aber nicht sehr hoch. Die Unterschiede zwischen diesen Temperaturen klingen so harmlos, aber sie sind gewaltig. Die Extremwetterereignisse, die wir diesen Sommer zu spüren bekamen, haben wir jetzt schon bei einem globalen Temperaturanstieg von ungefähr einem Grad. In der Schweiz sind wir nun aber bereits auf dem Weg zur 2-Grad-Erwärmung, wir sind da ein geografischer Sonderfall. Deshalb ist damit zu rechnen, dass die Schweiz von Gletscherschmelzen und Extremwettern sehr stark getroffen wird, vor allem wenn es nicht schneller mit der CO2-Reduktion vorangeht.

 

Un-s: Wie weit könnte die Pandemie dazu beitragen?

B. N.: Die Pandemie hat ein paar Dinge deutlich gemacht. Erstens: Wir leben nicht auf einer Insel. Die ganze Menschheit hängt zusammen. Das ist sicherlich eine Lehre. Wir haben gelernt, dass wir manchmal harte Entscheidungen fällen können. Die Lockdowns, die natürlich auch sehr unangenehme Begleiterscheinungen haben, haben gezeigt: Wenn die Gefahr gross ist, können wir auch Flughäfen stilllegen, Verkehr stilllegen. Wir sind in der Lage, auf schwerwiegende Krisen zu reagieren. Und die Klimakrise ist eine schwerwiegende Krise! Jetzt kommt es drauf an: Entweder die Politik entscheidet sich für Prävention und handelt schnell, oder wir stehen in Zukunft vielleicht plötzlich vor Klima-Lockdowns.
Was wir in der Krise nicht gelernt haben und was mich frustriert, ist, dass die Rettungspakete des Bundes nicht an ökologischen Kriterien ausgerichtet wurden. Wir haben Milliarden ausgegeben, aber leider nicht auch gleich für eine klimaneutrale Zukunft. Sinnvoll wäre es zum Beispiel gewesen, wenn der Bund Fördermassnahmen an Investitionen in klimaneutrale Technik gekoppelt hätte. Das ist eine verpasste Chance, nicht nur in der Schweiz, sondern international.

Wir leben nicht auf einer Insel. Die ganze Menschheit hängt zusammen.

Klimagerechtigkeit ist ein zentrales Anliegen von Fastenopfer. Wir reden eigentlich wenig von Klimawandel oder von Klimaschutz, mehr von Klimagerechtigkeit: Denn in der Welt sind die Verantwortlichkeiten sehr unterschiedlich verteilt, die Menschen in den ärmsten Ländern dieser Erde haben einen minimalen CO2-Ausstoß. Der liegt 30 bis 50mal niedriger als meiner oder der jedes Durchschnitt-Schweizers. Die Verantwortung liegt also bei uns. Klimagerechtigkeit können wir nur erzeugen, wenn jene, die den Klimawandel verursacht haben, vorangehen.
Stattdessen wird momentan beim Bund sehr viel darüber nachgedacht, wie die CO2-Emissionen in anderen Ländern zu reduzieren wären anstatt in der Schweiz. Das halte ich für den falschen Weg. Der viel zu hohe Prozentsatz an Auslands-Emissionssenkungen wäre auch eine Schwachstelle im CO2-Gesetz gewesen. Wir können zwar gerne anderen Ländern helfen, CO2 zu reduzieren, aber dass wir uns das anrechnen lassen, halte ich für wenig Zielführend. Wir müssen schauen, dass wir als Schweiz schnell klimaneutral werden, statt Lösungen in fernen Ländern zu suchen.

Wir haben die Intelligenz, die Wissenschaft, die Forschung, die Technik, es ist alles da. Also können wir es tun.

 

Un-s: Hand aufs Herz: Wie setzen Sie den Klimaschutz auch privat um? Sind Sie zufrieden, mit dem Erreichten oder sehen Sie noch Verbesserungspotential?

B. N.: Wir haben als Familie entschieden, vieles auszuprobieren, speziell in der Fastenzeit. Da möchte man ja sowieso weniger konsumieren. Wir messen unseren CO2-Fussabdruck regelmässig und schauen Jahr für Jahr, wie wir uns entwickeln. Perfekt sind wir um Gottes Willen nicht. Aber wir haben ein paar herausfordernde Entscheidungen gefällt. Zum Beispiel: Wir fliegen nicht. Meine Kinder sind jetzt 16 und 19, die dürfen das natürlich jetzt selber entscheiden. Aber sie sind noch nie in einem Flugzeug gesessen. Wir haben ein sehr gutes Leben auch ohne Fliegen. Dann kommt das Autofahren. Das haben wir auch abgeschafft. Wenn wir mal ein Auto brauchen, dann mieten wir eins über Car-Sharing. Aber in der Regel brauchen wir keins, das ÖV-System der Schweiz ist fantastisch. Die Hälfte der Familie hat sich jetzt ausserdem entschieden, vegan zu leben. Nicht ich zwar, aber auch ich esse dadurch die meisten Tage der Woche vegan - auch wenn ich manchmal ganz gern ein Stück Fleisch mag. Aber dann doch gerne Bio-Fleisch.

 

Umweltnetz-Schweiz: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses aufschlussreiche Gespräch!

 

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