Grüne Gentechnik in der Schweiz?

06 Feb 2013

Der Bundesrat will, dass ab 2018, nach Ablauf des Gentech-Moratoriums, hierzulande gentechnisch veränderte Organismen (GVO) angepflanzt werden dürfen. Dies unter Einhaltung eines „sicheren“ Abstandes zu anderen Kulturen.

 Eine entsprechende Koexistenzregelung wurde in die Vernehmlassung geschickt. Die künftige Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut soll laut Bundesrat „nicht ausgeschlossen werden“ (vgl. Medienmitteilung Bund). Mittels der sogenannten Koexistenzregelung will der Bund jedoch die „konsequente Trennung der Warenflüsse über die gesamte Produktionskette hinweg“ garantieren. Dementsprechend wurde das aktuelle Gentechnikgesetz (GTG) um neue Bestimmungen erweitert, die den Schutz gentechnikfreier Kulturen gewährleisten sollen. So müssen bestimmte Isolationsabstände zwischen GVO und konventionellen Agrarkulturen, sowie zu landwirtschaftlich nicht genutzten Flächen, eingehalten werden. Diese Zwischenkorridore sollen regelmässig auf Durchwuchs geprüft und gereinigt werden. Der geforderte Abstand beträgt bei Kartoffeln, Soja, Weizen und Zuckerrüben zwölf Meter, bei Mais sind es 100 Meter. Zu Hecken, Waldrändern oder Grünflächen reicht eine Distanz von 6 Metern. Zusätzlich sollen grössere „gentechnikfreie“ Gebiete von jeweils mindestens 400 ha definiert werden können.

Hierbei stellt sich primär die Frage, ob Verunreinigungen von herkömmlichen Pflanzen durch die Sicherheitsabstände wirklich unterbunden werden können, und sekundär, wie gross der Aufwand dafür sein wird. Markus Hardegger vom Bundesamt für Landwirtschaft meint das Risiko einer Verunreinigung sei durch diese Vorlagen auf nur ein Prozent reduziert. Der Bauernverbandspräsident Markus Ritter ist hingegen anderer Meinung. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass in vielen Regionen zuweilen starke Winde herrschen, und auch Insekten Pollen über weite Flächen transportieren können, seien diese Abstände lächerlich und würden keinen tatsächlichen Schutz vor einer unkontrollierten Verbreitung des genmanipulierten Saatgutes bringen.

Die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms NFP 59 stellen keine erheblichen Risiken der GVO-Kulturen für Mensch und Umwelt fest, aber sehen gleichzeitig auch keine „substanzielle Vorteile für Konsumenten und Umwelt.“ Auch die Schweizer Wirtschaft würde aktuell nicht von GVO-Sorten profitieren.

(vgl. NFP 59)

Auf die Risiken für Mensch und Umwelt wird in der Koexistenzregelung des Bundes nicht weiter eingegangen. Sie sollen während der Verlängerung des Moratoriums bis 2017 vom Parlament ausgearbeitet werden, um dann nur „sichere“ GVO zuzulassen. Der Bund stützt seinen Vorstoss hauptsächlich auf das Nationale Forschungsprogramms (NFP) 59, welches im September 2012 seine Ergebnisse präsentierte. In der Studie wurden keine erheblichen Risiken für Mensch und Umwelt festgestellt, gleichzeitig aber auch keine „substanzielle Vorteile für Konsumenten und Umwelt.“ Auch die Wirtschaft würde aktuell nicht von GVO-Sorten profitieren. Trotzdem will der Bund die Möglichkeit für die Zukunft offenhalten. Gemäss der Studie sind im Allgemeinen folgende negative Effekte der Grünen Gentechnologie festzuhalten:

  • Resistenzen bei Zielorganismen;
  • Schädigung von Nichtzielorganismen;
  • Einschränkungen der Biodiversität;
  • Entstehung unerwünschter Unkräuter infolge übermässigen Einsatzes von Herbiziden.

Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit konnten bisher weder eindeutig bewiesen noch widerlegt werden. Sie können also nicht ausgeschlossen werden. Die Autoren der Forschungsprogramms betonen, dass die oben aufgeführten Risiken nicht spezifisch für GVO-Sorten seien, sondern auch bei herkömmlichen Kulturpflanzen auftreten können. Unter Betracht einer kürzlich erschienen Studie von Christoph Then, die genmanipulierte Kulturen in den USA untersucht, korrelieren diese vier Punkte jedoch stark mit der Kultivierung von GVO. Viele anfängliche Vorteile für die amerikanischen GVO-Bauern, haben sich offenbar mittlerweile ins Gegenteil gewandelt. So haben sich mit den Jahren zahlreiche Unkräuter und Schädlinge an die herbizidresistenten und Insektengift-produzierenden GVO-Pflanzen angepasst, was eine deutliche Steigerung des Herbizid-Einsatzes zur Folge hat. Für die Bauern, die bereits vom Kauf des patentierten Gentechnik-Samenguts grosser Chemiekonzerne abhängig sind, bedeutet dies höhere Produktionskosten. Für die Umwelt bedeutet es einen Rückgang der Biodiversität, sowie Auswirkungen auf die Böden und die Pflanzengesundheit. Die langfristigen Folgen der Verwilderung genmanipulierter Organismen sind unbekannt, aber möglicherweise schädigend für die Pflanzenvielfalt. Zudem haben in den USA Kontaminationen von gentech-freien Kulturen offenbar in den letzten Jahren wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe ausgelöst.

Es muss zwar in Betracht gezogen werden, dass die älteren GVO-Sorten in den USA nicht dem heutigen Forschungsstand entsprechen und oft ohne Berücksichtigung verschiedenster Risiken angepflanzt wurden. Dennoch zeigt die Studie, dass trotz kurzfristigen Erfolgen, die langfristige Ertragssteigerung durch GVO heute ungewiss ist. Bedenklich ist dies besonders deshalb, weil diese vermeintliche Produktionssteigerung auf Kosten der Umwelt geschieht. Die Landwirtschaft sollte vermehrt auch alternativ mögliche Lösungswege für eine angestrebte globale Zunahme der Produktion diskutieren. Dabei spielen ökonomische, soziale und ökologische Komponenten eine entscheidende Rolle.

Ob die auch vom Bund geforderte freie Wahl des Konsumenten zwischen Gentechnik und herkömmlicher Kulturen gewährleistet bleibt, darf angesichts der Gefahren und Unsicherheiten ernsthaft bezweifelt werden.  

Interessante Links:
Aktuelle Studie zu den Auswirkungen von Gentechnik, Christoph Then.
Nationales Forschungsprogramm «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» (NFP 59)
Programmsynthese des NFP 59
Medienmitteilung Bundesrat, 30.01.2013
Gentechnikgesetz Schweiz
Radiogespräch SRF
Bienen und Gentech 

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