Unsere Nahrungsvielfalt ist bedroht

Rund 30‘000 Pflanzen sind für den menschlichen Verzehr geeignet. Dennoch ernähren wir uns heute von gerade mal 120 Pflanzen, ein Grossteil der Weltbevölkerung sogar von nur 12 Arten. Dabei beschert uns eine grosse Vielfalt an Nutzpflanzen nicht nur grössere Gaumenfreuden, sondern auch die Basis unserer Ernährungssicherheit.

Die Notwendigkeit einer grossen Biodiversität gilt auch für die Landwirtschaft (vgl. umwelt-netzschweiz.ch: Warum ist die Artenvielfalt wichtig? 21.5.2014). Je vielfältiger die Äcker, desto besser sind wir gegen Nahrungsmittelausfälle aufgrund von Umweltkatastrophen, Schädlingen oder Krankheiten versichert. Woran liegt der drastische Rückgang der Nutzpflanzenvielfalt? Im Bericht Saatgut – Bedrohte Vielfalt im Spannungsfeld der Interessen klären die Erklärung von Bern (EvB) und ProSpecieRara über die Situation auf.

Die Züchtung von Hochleistungssorten
In den 1990er Jahren begann die Förderung einer intensivierten Landwirtschaft durch die Politik. Das Ziel war der Anbau von möglichst ertragreichen und pflegeleichten Sorten. In der Schweiz wurde diese Entwicklung 1998 durch ein neues Landwirtschaftsgesetz verschärft: Um eine Sorte in den Handel bringen zu können, musste  sie «einheitlich», «stabil» und in einem offiziell Katalog aufgelistet sein. Damit entfielen viele weniger bekannte Sorten von Kleinbauern; die Folge waren Monokulturen aus Hochertragssorten und eine Vereinheitlichung des Sortenangebots.

Patente auf Saatgut
Patente sollen Erfindungen schützen. Das Europäische Patentübereinkommen (EPÜ) schreibt vor, dass Pflanzensorten sowie biologische Züchtungsverfahren nicht patentierbar sind. Dieser Grundsatz wurde jedoch Ende der 1990er-Jahre durch eine neue Richtlinie ergänzt, wonach Pflanzen patentierbar sind, sofern eine Erfindung technisch auf mehrere Pflanzensorten übertragbar ist. Seither haben insbesondere grosse Saatgutkonzerne wie Monsanto oder Syngenta unzählige Gentech-Pflanzen mit Resistenzen beispielsweise auf  Schädlinge patentiert.

Ist eine Pflanze patentiert, so machen sich Züchterinnen und Landwirte strafbar, wenn sie das Saatgut für die Weiterzucht oder den Wiederanbau verwenden. Obwohl Patente Erfindungen schützen und Innovationen fördern sollen, geschieht in der Realität das Gegenteil: Patente in der Pflanzenzucht verhindern neue Innovationen. Hinzu kommt, dass Saatgutkonzerne wie Monsanto immer mehr hybrides Saatgut auf den Markt bringen. Dieses Saatgut ist genetisch so konzipiert, dass es nur für eine Generation verwendet werden kann und sich danach nicht mehr vermehren lässt. Für Landwirte heisst dies, dass sie jedes Jahr teures Saatgut einkaufen müssen – gerade für Bauern in ärmeren Ländern eine Katastrophe.

Letztlich fördern Patente die Marktkonzentration im Saatgutsektor. Wenige Arten sind für den Grossteil der Umsätze verantwortlich: 40% des globalen Saatgutumsatzes wird mit Mais erzielt. Es folgt Soja mit 13% und Reis mit 10%. Immer weniger Firmen kontrollieren damit immer grössere Teile des globalen Saatgutmarkts und damit unserer Ernährung.

„Je vielfältiger ein System ist, desto mehr Möglichkeiten zur Selbstregulation stehen ihm zur Verfügung. Alle Lebewesen dieser Erde sind symbiontisch miteinander vernetzt. Jede Art, die ausstirbt, ist ein Verlust für das Gesamtsystem und ihre Stabilität.“
Michael Straub, Leiter eines Heilpflanzengartens von Weleda

Verschiedene internationale und nationale Bestrebungen versuchen dieser Entwicklung entgegenzuwirken. In der Schweiz existiert seit 1991 die Schweizerische Kommission für die Erhaltung der Kulturpflanzen (SKEK). Diese erfüllt als einziges Land die Forderung des globalen Aktionsplanes, neben staatlichen Genbanken auch Nichtregierungsorganisationen in die Umsetzung einzubeziehen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit von ProSpecieRara und Coop – unter dem Namen „Alte Sorten neu entdeckt“ verkauft Coop Saatgut von ProSpecieRara.

Ein wichtiges internationales Abkommen stellt  der FAO-Saatgutvertrag von der UN-Organisation für Ernährung Landwirtschaft (FAO) dar. Dieser fördert den Erhalt der Vielfalt und den Zugang zu grossen Saatgutbanken. Der Grundsatz ist, dass pflanzengenetische Ressourcen das Erbe der Menschheit darstellen und ohne Einschränkungen erhältlich sein sollen.

Leider werden Aktivitäten dieser Art zunehmend durch die gigantischen Saatgutfirmen gebremst: Deren Macht geht mittlerweile so weit, dass sie auch in der Politik starken Einfluss ausüben – etwa was Rahmenbedingungen beim Saatgutrecht betrifft. Dies wiederum führt zu einer noch stärkeren Marktkonzentration im Saatgutmarkt.

Auch als Privatperson kann man einen Beitrag zur Vielfalt der Nutzpflanzen leisten. Zum Beispiel indem man auf lokalen Märkten statt bei Grossverteilern einkauft und im Garten oder auf dem Balkon seltene einheimische Sorten anpflanzt. Wer Saatgut von ProSpecieRara kauft, kann sicher sein, dass es nicht von einem der grossen Saatgutkonzerne stammt.

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.