…und die Moral von dem Konzern: Darüber spricht er nicht so gern

Mal schauen, was da noch so drin ist... Mal schauen, was da noch so drin ist...

Mit grosser Macht kommt grosse Verantwortung. Hat mal jemand gesagt. War aber leider nur eine fiktive Figur. Wir sollten uns bemühen, das Zitat in die Realität zu übersetzen.

Über die vergangenen Wochen haben wir uns jeweils Freitag mit einer endlichen, gefährdeten oder zumindest kritischen Ressource beschäftigt. Dabei ging es dann oft um Bergbau und seine ökologischen Risiken und Schäden, um die Möglichkeiten einer effizienteren Kreislaufwirtschaft, und um die dringende Notwendigkeit, in unserem Verschleiss der begrenzten Rohstoffe kürzer zu treten. Weitere Folgen unseres Hungers nach Kupfer, Sand oder Seltenen Erden haben wir dabei nur gestreift. Das wären dann die sozialen, gesundheitlichen und politischen Schäden, die die global operierenden Konzerne mittels ihres Geschäftsgebarens immer wieder aktiv in Kauf nehmen oder doch stillschweigend dulden. Ob sie nun mit Kleidung, Lebensmitteln, Elektronik oder eben auch speziell mit den hierfür benötigten Rohstoffen handeln: Kaum ein Monat vergeht, ohne dass im Wirkkreis eines Global Players auf Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Gesundheitsgefährdung oder prekäre Arbeitsverhältnisse wie Kinderarbeit oder moderne Sklaverei hingewiesen wird.

Was uns das angeht? Im Falle des Rohstoffhandels etwa, dass wir in der Schweiz einen überverhältnismässig grossen Anteil des weltweiten Rohstoffhandels abwickeln. Je nach Quelle spricht man beim Schweizer Welthandelsanteil dieser verschwiegenen Branche von einem Viertel bis zu einem Drittel; übergreifend gilt die Schweiz als der wichtigste Rohstoffmarkt der Welt. Die Rohstoffhändler mit Sitz in der Schweiz (Glencore, Vitol, Cargill…) laufen selbst Riesen wie Nestlé oder Roche den Rang ab.

Kapitalmoral

Entgegen verbreiteter Einschätzungen kennen die transnationalen Konzerne durchaus eine Moral. Nur betätigt sich diese etwas ausserhalb dessen, was wir üblicherweise mit ethischem Verhalten gleichsetzen: Im Bemühen etwa, Profite zu erzielen. Mehr noch als die KMUs sind Konzerne auf Fremdkapital angewiesen. Das wird ihnen, in Form von Aktien bspw., zur Verfügung gestellt unter dem Versprechen, dass das Unternehmen sich redlich bemühe, im Gegenzug damit eine Rendite zu erzielen. Bemühte sich das Unternehmen nicht darum, wäre das Betrug.

Das Problem ist natürlich, dass der liberalen marktwirtschaftlichen Lehre diese eine Forderung schon Moral genug war. Die traditionelle Zuteilung ethischer Pflichten bestand darin, dass sich die Handelskräfte um die Mehrung des Wohlstands, die anderen gesellschaftlichen Gefüge - wie etwa Staaten - um die weiteren Aufgaben von Gerechtigkeit und Bürgerrechten kümmerten. Das funktionierte solange halbwegs verlässlich, als die solcherart eingebundenen Unternehmen überschaubar und einer spezifischen Gerichtsbarkeit zugänglich blieben, die den gesellschaftlichen Nutzen und Schaden ihres Tuns im Auge behielt. Es begann zu zerfasern, je stärker sich die Unternehmen und die Konzerne in einen globalisierten Markt ausbreiteten und je grösser, investitionskräftiger, mächtiger sie dabei wurden. Ungeliebten gesetzlichen Vorgaben einer Rechtsgemeinschaft konnte leichter entflohen, die Gesetzgebung schlagkräftiger beeinflusst werden, und ein einzelner Aktionär konnte unmöglich mehr die gesamten Tätigkeiten, die er mit seiner Kapitalgabe unterstützte, überschauen. Während die Konzerne ihre ureigene moralische Verpflichtung der Wohlstandsmehrung ihrer Teilhaber beibehielten, entschlüpften sie den Vollzugsorganen vieler anderer ethischer Ansprüche, die wir in unserem menschlichen Miteinander als erforderlich und gerecht empfinden. Gleichzeitig häuften sie mehr Finanzkraft und Einfluss an, als selbst die meisten Staaten für sich reklamieren können.

Konzernverantwortung

Man wird indessen erkannt haben, worauf wir hinauswollen. Die Konzernverantwortungs-Initiative. Sie fordert die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards durch Konzerne mit Sitz in der Schweiz. Wie aber kann da die kleine Schweiz, angesichts dieser globalen Verstrickungen, überhaupt etwas bewirken? Hier können wir, angesichts des Rohstoffhandels, argumentieren, dass sie so klein ja nicht ist. Wir erinnern uns: Wichtiger Umschlagplatz, grosse Konzerne, usw… Und während wir gerade darlegten, wie sich die Konzerne im globalisierten Markt verschiedentlich dem Zugriff gesetzlicher und ethischer Regeln entzogen, ist nun anzufügen, dass diese Enthebung keine vollständige ist. Sie mögen sich ihre Standorte, ihre Zulieferer und Produktionsverhältnisse mehr oder weniger aussuchen: Sie wollen aber ihre Möbel, Laptops und Sonnenbrillen, ihr Zink, Phosphat und Cobalt dann auch irgendwem verkaufen. Sie schätzen ausserdem weiterhin eine verlässliche Infrastruktur, Rechtssicherheit, Eigentumsschutz. Ihre Macht, so gross sie auch sein mag, ist keine absolute. Gleichwohl darf vermutet werden, dass ein Alleingang der Schweiz, den hier angesiedelten Konzernen aussergewöhnliche Vorschriften aufzulasten, von diesen kaum als ein weiterer Pluspunkt dieses Standorts gewertet würde. Nur: Wir stehen damit keineswegs allein da.

Kein Alleingang

Die Eidgenössische Volksinitiative „Für verantwortungsvolle Unternehmen - zum Schutz von Mensch und Umwelt“, wie die Konzernverantwortungs-Initiative im vollen Namen heisst, stellt drei Forderungen an Grosskonzerne, (und nicht an KMUs,) die aus der Schweiz heraus wirtschaften: Sorgfaltsprüfung, Berichterstattung und Haftung. Die Sorgfaltsprüfung nähme sie in die Pflicht, die ihnen zugehörigen Unternehmen und auch die Zulieferer auf die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards einzuschwören und zu überprüfen; die Berichterstattung, über diese Bemühungen und ihre Ergebnisse transparent und regelmässig zu berichten. Die Haftung schliesslich gäbe Hand, die Konzerne im Klagefall bei einer Zuwiderhandlung strafbar zu halten. Auf ganz ähnliche Vorschriften stossen wir bereits in Frankreich und in Grossbritannien, auf eine etwas zahnlosere – unter Auslassung der Haftung – im Mutterland der Deregulierung, den USA. In vielen weiteren Nationen befinden sich vergleichbare Vorstösse auf dem Weg, nicht zuletzt angestossen von den „Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“, die 2011 von der UNO vorgegeben wurden. Die Zeichen stehen damit international eindeutig auf einer Verpflichtung multinationaler Konzerne zur ethischen und ökologischen Mitverantwortung, die über eine wankelmütige „Freiwilligkeit“ hinausgeht.

„Wenn wir in die Zukunft schauen, werden solche Normen Standard sein.“
Florian Wettstein, Leiter Institut für Wirtschaftsethik Uni St. Gallen

Wobei uns das schon etwas kosten könnte. Den Konzernen erwachsen mit der Sorgfaltsprüfung und der Berichterstattung Aufwände: Da wären Prüfungskommissionen einzuberufen, Daten zu erfassen, Risikobewertungen einzuholen, besonders preiswerte Angebote auszuschlagen. Diese Kosten werden sie, ihrem moralischen Instinkt folgend, auf ihre Kunden abwälzen – soweit es ihnen der Wettbewerb erlaubt. Doch das ist es dann gar nicht, was etwa dem marktliberalen Schweizer Interessenverband Economiesuisse hauptsächlich an der Idee missfällt. Der macht sich Sorgen um die Haftungsklausel.

„Wir (die Schweizer Wirtschaft) hätten ein Reputationsproblem, wenn eine solche Initiative umgesetzt würde, weil damit natürlich eine Klageflut droht.“
Heinz Karrer, Präsident Economiesuisse

So verräterisch diese Einschätzung des potentiell straffähigen Gebarens von Schweizer Konzernen auch scheinen mag, wollen wir ihr keine Beweiskraft zusprechen. Wir können aber mit einem Blick auf unser westliches Nachbarland immerhin feststellen, dass dort nach Einführung der Sorgfaltspflicht keine Klagefluten einrollten. Die Befürchtung eines Wettbewerbsnachteils für die Schweiz bleibt derweil im Raum. Manche Schweizer Unternehmer kehren dieses Argument gleichwohl um:

„Ich bin überzeugt, dass diese Initiative zu einer Stärkung der Swissness führen wird. Sie wird damit nicht mehr nur für hohe Qualität, sondern auch für hohe Verantwortung stehen.“
Samuel Schweizer, Unternehmer, im Interview mit SRF „Eco“

Ob das auch den notorisch öffentlichkeitsscheuen Rohstoff-Konzernen wie Glencore oder Vale eine überzeugende Folgerung ist, ist zwar zweifelhaft. Das sollte uns jetzt aber nicht beirren, denn gerade diese Branche geschäftet – wie wir in den letzten Wochen mehrfach aufgezeigt haben – im wahrsten Sinne des Wortes mit unseren gemeinschaftlichen Lebensgrundlagen, während sie sich bei der Offenlegung ihrer Geschäftspraktiken vornehm zurückhält und zwischendurch auch mal die finanziellen Muskeln spielen lässt, um kritische NGOs einzuschüchtern.

Vertrauen ist gut…

Inwiefern der Vorschlag der Konzernverantwortungs-Initiative nun ein angemessener und zweckdienlicher sei, um Licht auf undurchsichtige Geschäftspraktiken zu werfen, wird in den nächsten Monaten noch heiss diskutiert werden. Dass indessen die Forderungen der Nachhaltigkeit und des Schutzes von Mensch und Umwelt (wie sie schon vielen kleineren Schweizer Unternehmen und noch viel mehr privaten Schweizerinnen und Schweizern ein aktiv verfolgtes Anliegen sind) im Fall des Rohstoffhandels auf eine verbindlichere Ebene als nur jene der Selbstverpflichtung gehoben werden sollte, beweist sich leider immer wieder. Die beliebte Beschwörung, dass es sich heute ja kein Unternehmen mehr leisten könne, diesbezügliche Skandale anzuhäufen, mag für ausgewählte Geschäftszweige zutreffen. Im Hinblick auf die weitgehend unentbehrlichen Handelsgüter und die dem Konsumentenauge unsichtbaren Handelsströme der Rohstoffbranche ist sie naiver Optimismus.

 

Quellen und weitere Informationen:
Konzernverantwortungs-Initiative
SRF "Eco" (youtube): Konzernverantwortungsinitiative: Pro und Contra
UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte
Tobias Schwab (Frankfurter Rundschau): Glencore droht NGOs nach Kritik

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